Kontrolle und Ideologie

Die SDAG Wismut galt zwar als „Staat im Staate“, war aber zugleich mit dem Alltag im Bezirk verbunden. Die Staatssicherheit war in Gera überdurchschnittlich präsent, sie und die Gewerkschaft verfassten kontinuierlich Berichte zu Stimmungen und Auffälligkeiten im Betrieb.

Widersprüche, wie die Gleichzeitigkeit von Wertschätzung und Kontrolle, prägten alle Bereiche des Geheimunternehmens: Wie stark Staat und Wismut auf die Bürger:innen zugriffen, war abhängig von vielen Faktoren. Zwischen Zufriedenheits- und Einschränkungserfahrung im Alltag mussten sich Personen, so auch unsere Zeitzeug:innen, immer wieder neu positionieren.

An Feiertagen wie dem 1. Mai oder dem Tag des Bergmanns wurden Bergleute offiziell gewürdigt und häufig ausgezeichnet, Bergleute galten als Stütze des sozialistischen Wohlstandes. Die gegenseitige Vergewisserung war auch in den Brigaden an der Tagesordnung.
Gleichzeitig litten Kumpel und ihre Familien häufig unter Planerfüllungsdruck oder mussten die Widersprüche im Gesundheitssystem und im Arbeitsschutz hinnehmen, um ihre Privilegien nicht zu gefährden.

In der deutsch-sowjetischen Aktiengesellschaft arbeiteten auch sowjetische Militärs und sog. „Spezialisten“. Viele schätzten den hohen Lebensstandard der DDR und versorgten Angehörige daheim mit Konsumgütern. Eine Tätigkeit für die Wismut war zudem karrierefördernd.Unsere Zeitzeug:innen erlebten die propagierte deutsch-sowjetische Freundschaft im Alltag kaum: Die „Russen“ lebten isoliert, romantische Beziehungen waren oft ein Tabuthema, die Geheimhaltung, aber auch Sprachbarrieren trugen dazu bei, dass wenig Austausch entstand.

Das sagen unsere Zeitzeug:innen:

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Arndt Weinhold

Arndt Weinhold beschreibt, wie politische Leitbilder, die Arbeit für den Frieden und der Uranabbau miteinander verbunden wurden. Seine Erinnerungen zeigen zugleich die Widersprüche zwischen offizieller Friedensrhetorik, militärischer Nutzung und den gesellschaftlichen Deutungen der Wismut.

Bärbel Hofmann

Im Gespräch beschreibt Bärbel Hofmann, wie Kultur- und Bildungspläne in den Brigaden den Alltag prägten. Buchlesungen, Chorgesang und andere gemeinsame Aktivitäten wurden verbindlich organisiert und durch gegenseitige Motivation getragen. Die Erinnerung zeigt, wie kulturelle Angebote zugleich Gemeinschaft stifteten und in betriebliche Erwartungen eingebunden waren.

Enrico Richter

Enrico Richter berichtet von Prämien im Leistungssport und davon, dass Preisgelder nicht frei verfügbar waren: Ein Teil wurde einbehalten, auf Sperrkonten gelegt und als Druckmittel genutzt. Die finanzielle und organisatorische Abhängigkeit setzte Sportler unter Druck, auch wenn internationale Reisen und Erfolge besondere Freiräume eröffneten.

Grit Ruhland

Grit Ruhland ordnet Uran und die nukleare Kette als politisches Erbe ein. Atomwaffen, militärische Drohungen und die ungelöste Verantwortung für nukleare Risiken zeigen, dass dieses Erbe nicht wie jedes andere behandelt werden kann.

Hans-Georg Kremer

Hans-Georg Kremer erzählt von einer bewusst inszenierten Sportaktion kurz vor der Wende: Sportler sollten Funktionären unterschriebene Bälle überreichen, was auf der Tribüne zunächst wie ein Attentat wirkte. Er beschreibt Sport zugleich als sozialpolitisches Instrument, das Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit für die Produktion fördern sollte.

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Robert Schmidl

Robert Schmidl ordnet die Wismut als Bergbau ein, verschweigt aber nicht ihre Rolle bei der Gewinnung von Uran für militärische und atomare Zwecke. Seine Erinnerung thematisiert die begrenzten Handlungsmöglichkeiten Einzelner und die politische Dimension des Betriebs.

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Rüdiger Klotz

Rüdiger Klotz berichtet, dass politische Nähe und Parteizugehörigkeit den Zugang zu betrieblichen Privilegien wie Urlaubsplätzen beeinflussen konnten.