Hans-Georg Kremer

Lebenslauf
Hans-Georg Kremer wächst in Weimar auf und möchte eigentlich Archäologe werden. Mit seinen Freunden macht er Orientierungslauf, schreibt Texte und interessiert sich für Sport – dies bringt ihn nicht nur zur Gründung des bekannten Rennsteiglaufs, sondern auch in die Organisation des Volkssport der Wismut.
Gesamtinterview
Also geboren bin ich 1946, kurz nach dem Krieg. Wir sind Flüchtlinge. Das ist ganz interessant. Und ich bin in Blankenhain geboren.
Und zwar das Blankenhain bei Weimar. Es gibt ja noch
eins hier. Ja, dann bin ich aber in Weimar groß geworden. Wir haben dort die erste Zeit in Blankenhain gelebt.
Und jetzt lebe ich in Jena.
Zwischendurch, wo die Birgit Kind war, haben wir hier in Gera gewohnt. Spannend. Ja, so an vieles entsinne ich mich nicht mehr aus der frühen Kindheit.
Aber soweit zu meiner Biografie. Also, wir waren praktisch bis zu meinem dritten Lebensjahr in Blankenhain. Wer sich dort auskennt oder wer mal Golf gespielt hat, der kennt den berühmtesten Golfplatz Thüringens in
Blankenhain. Genau auf dem Golfplatz bin ich geboren.
Allerdings hat man damals noch nicht Golf gespielt, sondern Kartoffeln aufgelesen. Und da gab’s ein Rittergut, ich bin praktisch in dem Gutsgebäude geboren, weil mein Vater, als er aus dem Krieg zurückkam, dort gearbeitet hatte als Dolmetscher für die Rote Armee.
Und das Rittergut war sozusagen für die Rote Armee das Versorgungsgut. Und mit drei Jahren sind wir nach Weimar gezogen und dort habe ich dann meine Kindheit und Jugend verbracht.
Für mich normal, für sie wahrscheinlich dann nicht so normal,
die Jugend bestand so ab dem dritten Lebensjahr, also
Kindergarten gab’s schon, aus spielen, Kohlen klauen, Ähren auflesen, Garten umgraben, Lebensmittel besorgen,
was relativ schwierig war, sozusagen, in einer Stadt und als Zugezogene. Ich vergleich das immer mit jüngeren Leuten, Sie sind ja bisschen jünger. Man kann das so vergleichen mit den Leuten, die heute aus der Ukraine herkommen.
So war das bei uns. Meine Großmutter kommt aus Breslau, meine Mutter war vorher schon weg.
Meine Großmutter ist in Breslau weg, bevor das Festung wurde,
Breslau war die zweitgrößte Stadt Deutschlands, heute in Polen Wroclaw. Die ist weg, mit einer kleinen Handtasche, da war das Sparbuch, Ausweis, noch zwei, drei Sachen, Wintermantel, normale Kleidung und so hat die Breslau verlassen. Und
ist dann erst zwei Jahre später wiedergekommen, da war die Wohnung aber schon total ausgeräumt. Das war alles, was sie mitgenommen hat.
Und so ist sie dann in Thüringen angekommen, wo der
Großvater hatte, glaube ich, irgendwo
ein geborgtes Fahrrad und einen Anzug und seine Reichsbahnuniform.
Und ich hatte erstmal gar nichts, außer ein paar Windeln
und hatte aber Glück, dass wir auf dem Gut gelebt hatten und
ich der Liebling aller russischen Soldaten war,
die mich dann durch die Gegend geschleppt haben und mal ein Stück Schokolade zugesteckt haben. In Weimar, wie gesagt, bis ich in die Schule gekommen bin, für uns damals normal, also wir mussten schon als Kinder dazu beitragen, dass die Familie sich sozusagen ernährt hat.
Ich habe dann mit vier Jahren angefangen auf dem Tennisplatz Balljungen zu machen. Da gab es 50 Pfennig die Stunde. Dann, wie gesagt, hinten neben dem kleinen Bahnhof, da wurden die Kohlen verladen
und immer wenn die LKWs weggefahren sind, sind wir hinten drauf gesprungen und haben schnell ein paar Briketts runter geschmissen und nach Hause getragen. Das war nicht üblich, aber wie gesagt, als Umsiedler hat man versucht, sozusagen, die Familie zu unterstützen.
Dann kam ich in die Schule, normales Schulleben und ab dritte, vierte Klasse begann dann meine Sportkarriere. Ich habe dann, wie das viele heute noch machen, jedenfall die Jungs, mit Fußball angefangen und dann am Ende beim Orientierungslauf gelandet.
Meine Mutter war Kindergärtnerin, aber hat wie damals üblich, wo dann ich und mein Bruder geboren waren, nicht mehr gearbeitet. Wenn die Kinder klein waren, blieben die Frauen meistens zu Hause, auch wenn mein Vater nicht so sehr viel verdient hat. Aber das war eigentlich üblich.
Und die hat dann erst wieder angefangen als mein Bruder in der dritten, vierten Klasse war. Ja, Sport stand immer an erster Stelle.
Ja, Zeichnen. Kunst, Geschichte. Merkt man an meinen Töchtern.
Geschichte überhaupt, Geografie.
Nicht so gut war ich erstaunlicherweise in Sprachen, also mein Vater war zwar Dolmetscher, aber ich habe Russisch nie gern gemocht, nie gelernt. Ich habe allerdings im Rahmen der Schulausbildung Russisch, Französisch, Englisch und Latein lernen dürfen.
Aber wenn Sie mich jetzt da was fragen, ist das eher sehr rudimentär, was ich da noch weiß. Geprägt hat mich von Anfang an, dass ich schon mit vier, fünf Jahren meine eigenen Wege gegangen bin.
Also wie heute wahrscheinlich eher nicht vorstellbar. Wir wohnten im Süden von Weimar und mein Weg zum Tennisplatz, wo ich sozusagen in Anführungszeichen “gearbeitet” habe, der war drei Kilometer durch die Stadt.
Da bin ich mit vier, fünf Jahren durch,
meine Mutter hat auch nie gefragt, die wollte, dass ich abends wieder zurück bin,
das war normal, damals. Wenn irgendwelche Ereignisse waren, bei uns, da ging sozusagen die Hauptstraße vorbei, der Hauptverkehr, damals alle paar Stunden LKW und alle zwei Stunden PKW.
Wenn von der roten Armee mal einer gestorben war, in Weimar war ja viel Rote Armee,
heute würde man sagen Russen, damals Sowjetunion, da waren viele Kasernen. Und die waren im Norden der Stadt, also Richtung Buchenwald, da wo das Konzentrationslager ist.Und die hatten aber im Süden der Stadt, Belvedere oder etwas, wer Weimar kennt, gibt es ein Schloss. Dort haben die einen Friedhof gehabt.
Und dann haben die ihre Toten durch die ganze Stadt gefahren - getragen! Also die Offiziere wurden getragen, die normalen Soldaten nicht.
Auf einem offenen Sarg, acht Mann, zwölf auf der Hand. Und dann sind die Kinder nebenher gerannt und waren den ganzen Tag unterwegs. Unsere Eltern fanden das relativ normal.
Wir hatten auch keine Handys um zwischendurch anzurufen! Ja, wenn wir dann abends beim Einbruch der Dunkelheit nicht zurück waren, dann waren wir 11 Stunden unterwegs. Eher nur die Alltagspolitik, wo gibt es was zu essen, wie viel kriegt man auf den Marken.
Also ich war immer zuständig fürs Einkaufen auf Marke und Milch beschaffen. Also jeder hat dann so ein Kärtchen gekriegt und da waren kleine Abschnitte und die wurden dann abgeschnitten, ein Liter Milch oder Stückchen Butter oder so. Da
konnte man einmal in der Woche hin. Das war das Thema. Wo kriege ich was zu essen her?
Wo kriege ich was zum Anziehen her? Also meine erste Kleidung bestand alles aus selbstgenähten Sachen. Hat
meine Mutter geschneidert. Die war zu Hause, in der Zeit, die konnte das.
Doch mein erster Berufswunsch war Archäologe. War schwierig. Also das hing damit zusammen:
Wir sind dann umgezogen und da habe ich direkt in Weimar, wer’s kennt, am Friedhof gewohnt, da wo Goethe und Schiller liegen, obwohl
nur Goethe, Schiller ist ja nicht drin, in dem Sarg,
da habe ich gewohnt, sozusagen, also ich konnte immer, wenn ich rausgeguckt habe konnte ich immer sehen, ob Goethe und Schiller noch da sind. Und da war in der Nähe das Museum für Ur- und Frühgeschichte.
Und der Museumsdirektor, da kam der Archäologe, der hatte so eine Arbeitsgemeinschaft.
Das war vielleicht auch typisch in der Zeit,
ab dritte Klasse, vierte Klasse, so ungefähr, gab es dann mal Mittwoch, Nachmittag, mal kein Unterricht, da
gab es Arbeitsgemeinschaften, alles mögliche.
Und ich war eben da in dem archäologischen Museum
und der hat dann mit uns irgendwelche interessanten Sachen, Scherben gewaschen oder Vasen zusammengesetzt oder irgendwelche Dinge, und da war praktisch der Wunsch das auch mal zu machen, praktisch beruflich. Auch nicht so einfach, es gab in der DDR vier Studienplätze pro Jahr, archeologie.
Man musste altsprachliche Vorkenntnisse haben, Griechisch, Hebräisch - Latein hätte ich noch gekonnt! Auch nicht so gut. Ich
bin viel Fahrrad gefahren. Weniger wegen sportlicher Leistung, sondern ich bin zum Beispiel alle Burgen in der Umgebung abgefahren.
Also ich habe dann Burgen gesammelt, ein kleines Büchlein, da wurde alles aufgeschrieben. Hab dann meine Jahresarbeit, im Abitur mussten wir in der 12.
Klasse so eine Art Jahresarbeit machen, da hatte ich alle Burgen des Landkreises Weimar beschrieben, fotografiert, gezeichnet. Da habe ich relativ viel Zeit reingestckt.
Und dann habe ich in der 8. oder 9.
Klasse angefangen, selber als Übungsleiter,
also als Arbeitsgemeinschaftsleiter Schüler zu unterrichten.
Das nannte sich “Touristik”, da gab’s so eine Touristenstation in Gera war die glaube ich in Liebschwitz, also mit Karte und Kompass arbeiten. Also im Wesentlichen wollte ich die Schüler animieren, so wie ich, Orientierungsarbeit zu machen.
Zufall. Einer kam in die Klasse, hat sich vorne hingestellt, hat gesagt: Wer will Touristik machen?
Alle haben den Arm gehoben, weil wir gar nicht wussten, was das war. Wir wussten nur: mit Zelten irgendwie draußen sich frei bewegen und so.
Und ja, ich bin dann hängen geblieben. Das wurde dann eben nicht die klassische Touristik mit Wandern und Berge besteigen, sondern die sportliche Touristik, also mit Karte und Kompass durch den Wald rennen.
Ich gehöre wahrscheinlich zu den Kuriositäten. Also ich bin katholisch getauft. Meine Eltern sind, meine Mutter ist evangelisch, mein Vater kommt aus Oberschlesien und da waren alle katholisch.
Ach nee, ich bin evangelisch getauft. Wo meine Mutter, also wo ich geboren wurde, ja, da bist du zum Pfarrer gegangen und der hat mich einfach getauft.
Und dann nach drei Jahren, da wurde mein Bruder geboren und da ging’s ums Taufen von meinem Bruder und da hat die Westverwandschaft - Also, meine väterliche Verwandtschaft war alles im Westen. Die Großmutter hat gesagt, wenn du weiter Pakete haben willst, musst du die Kinder katholisch taufen lassen.
Und dann bin ich nochmal getauft worden, katholisch. Mein Bruder auch.
Und dann später als Student bin ich als Katholik zur evangelischen Kirche gegangen und habe gesagt, ich will mich jetzt abmelden. Und das haben sie auch angenommen. Seitdem bin ich nicht mehr in der Kirche.
Aber ich war Ministrant, ich bin da also mit rumgelaufen, bin aber auch nicht belästigt worden von den Priestern. Das ist ja heute ein Thema.
Also ich habe das alles mitgebracht. Das war es eher Zwang, weil die Eltern das gewollt haben. Dann bin ich auch zum Religionsunterricht gegangenen.
Da wurden wir dann bei den Katholiken, wurden wir dann gefirmt. So die ganzen Abschlüsse, das habe ich dann nicht mehr mitgemacht.
Das hängt damit zusammen, also in der fünften Klasse, als das so mit Touristik und Orientierungslauf losging,
haben wir so einen Straßengang, würde man heute sagen, gegründet. Also ich war vorher schon mal in einer, wir mussten nämlich diesen Bergaer Bahnhof verteidigen gegen andere, die wollten auch die Kohlen klauen, aber das haben wir sozusagen verhindert.
Ist wirklich so, wie es in den Filmen manchmal gezeigt wird, also wir waren 20, 30 Jungen, die anderen auch, und dann gab es Prügeleien, wer darf am Bahnhof die Kohlen klauen. Aber ich war da immer der Kleinste, ich war ja drei, vier Jahre damals. Aber war die ganze Straße.
Und dann habe ich in der fünften Klasse so eine Gruppe gebildet. Wir haben alle in dieser Touristik-Arbeitsgemeinschaft erst, das war dann BSG Lokomotive, Orientierungslauf gemacht und wahrscheinlich später auch [???], nach Pfingsten 1950. Wir haben uns jetzt mal getroffen und das nachvollziehbar, sind wir sechs Jungs, fünfte Klasse, mit selbstgebauten Handwagen, 10 Kilometer in den Wald gelaufen und haben dort gezeltet.
Völlig allein, war auch nicht erlaubt, haben uns einfach ne Wiese gesucht Natürlich kamen am zweiten Tag mal die Eltern, die haben geguckt, heimlich, was wir so machen. Oder haben uns was zu essen gebracht.
Diese Gruppe hat sich eigentlich lange zusammengehalten, hat immer Pfingsten so eine Ausfahrt gemacht. Und jetzt nach 50 Jahren, 55 Jahren, habe ich die alle zusammengetrommelt. Die leben auch alle noch, bis auf einen.
Ja am zweiten Tag kam nämlich der Förster und hat bisschen rumgemeckert, weil wir das Feuer gemacht haben.
Das war im Frühjahr und es war keine Waldbrandgefahr. Dann hat er nur gesagt: legt Steine drum. Das war relativ entspannt.
Heute würde es das wahrscheinlich nicht mehr gehen. Das war eher privat, aber wir waren alle schön in der BSG und der Vorteil war, wir waren in der Betriebssportgemeinschaft Lokomotive und hatten dadurch Freifahrtscheine.
Autos hatten die Leute sowieso noch nicht so viele, aber andere Vereine haben dann einen Bus organisiert, oder sowas. Wir konnten immer mit der Eisenbahn fahren und
ich war dann relativ schnell der Chef von der Truppe, also so wie Übungsleiter und habe dann die Berechtigung gehabt, immer die Anträge zu stellen und dann sind wir eigentlich jedes Wochenende bis zur Ostsee, also alles was in der DDR möglich war, mit der Bahn gefahren.Damals hat man in der elften Klasse gesagt, was man werden wollte. Man musste so einen Fragebogen ausfüllen. Und dann stand da bei mir: Sportlehrer.
Und dann gab es für jemanden wie mich, ich war damals in der Nationalmannschaft, also Nachwuchsnationalmannschaft, ging man in die DHK, also die Deutsche Hochschulschaft für Körperkultur und Sport, gibt es heute noch in Frankfurt, sowas ähnliches. Also dort wurden eigentlich eher Trainer ausgebildet. Und
da bin ich zur Aufnahmeprüfung und bin krachend durchgefallen, weil die wollten von meinen Orientierungslauf ja gar nichts wissen. Das waren also Leistungssportler im Sinne von olympischen Sportlern.
Und dann musste ich Weitspringen, das ging gerade noch, aber Kugelstoßen, da habe ich mir fast die Kugel auf den Fuß geworfen. Und im Schwimmen war ich auch nicht so gut.
Jedenfalls war das erledigt.
Ja, doch, wir haben uns wie verrückt vorbereitet. Ich konnte alles, aber die haben nur drei Sachen geprüft. Und genau die, die ich nun nicht konnte.
Ja, aber mit meinen anderen Ergebnissen, mein Sportlehrer hatte alles schön aufgeschrieben, man musste so eine Liste mitbringen, was man für Leistung hatte und wie schnell man gelaufen ist. Und das war eigentlich alles sonst gut, oder sehr gut eigentlich.
Und da habe ich dann nach Jena geschrieben und die haben gesagt, ja reicht, brauchst keine Aufnahmeprüfung machen, oder: Sie brauchen keine zu machen, aber Sie können erst nächstes Jahr anfangen. Und das war im Frühjahr der 12. Klasse.
Und da hat dann die Schule, das war eher Zufall, angeboten, wer wollte, konnte nach dem Abitur im Juni, Juli, August arbeiten und noch einen Facharbeiterbrief ablegen. Wir waren, glaube ich, der einzige Jahrgang, wir waren so ein Testjahrgang. Das wurde dann nicht weitergeführt.
Wir haben jedes Jahr einen anderen Beruf erlernt. Neunte Klasse war ich in der Landwirtschaft. 10.
Klasse haben wir Elektrosachen gemacht. 11.
war ich in Weimar. Da war der größte Betrieb in Weimar, der hat Mähdrescher gebaut.
Und die haben angeboten, nach dem Abitur noch mal drei Monate intensiv zu lernen und anschließend den Facharbeiter zu machen. Das habe ich gemacht und bin dann das Jahr, was ich Zeit hatte, habe ich als Maschinenmacher gearbeitet.
Meine Biografie ist mehrfach gebrochen.
Also ich bin dann nach dem Studium in Jena geblieben, habe promoviert,
habe dann nach der Promotion gewechselt nach Schwarza
Rudelstadt, und bin dort nach eineinhalb Jahren schon wieder abgehauen und nach Gera gekommen. Ich habe über “Meinungsmanipulierung im Sport” geschrieben, also ein medienwissenschaftliches Thema, war natürlich politisch verbrämt und hing mit den olympischen Spielen 1972 in München zusammen.
Ich habe praktisch untersucht, wie im Westen die Menschen über sportliche Themen manipuliert wurden. Ja, gebe ich zu.
Das war so politisch, dass ich extra einen Schein gekriegt habe. Ich durfte Westfernsehen, mit Genehmigung, und durfte in der Bezirksleitung, unter anderem hier in Gera, das war das große Gebäude da beim Bahnhof durfte ich Westzeitungen lesen.
Also die SED, kennt ihr sicherlich, das ist die Partei der DDR, also die Staatspartei, die hatte Bezirke mit Bezirksleitung.Und in jedem Bezirk gab es Westzeitungen und Zeitschriften. Und zwar immer aus Partnerbezirken.
Also Gera war damals Partnerbezirk Nürnberg. Und da durfte ich dann immer dort die Westzeitungen lesen, Bild-Zeitungen auch und Westzeitschriften.
Und die habe ich ausgewertet und geguckt, was halt über die Olympischen Spiele da drin steht. Und da hast du richtig deine Arbeit gemacht.
Das Interessante war, ich hab, also das ist wieder meine Biografie, also ich hab in der Siebten angefangen Geld zu verdienen unter anderem mit Artikel schreiben. Also ich hab über den Sport immer so kleine Artikel geschrieben,da bekam man für die Zeile 50 Pfennig.
Und damit war ich sozusagen schon in der Medienlandschaft zu Hause. Also ich kannte dann, in der 12. Klasse, wusste ich genau zu welcher Zeitschrift ich gehen muss, wenn ich was schreiben wollte oder
so. Und dadurch hatte mich das als Sportstudent dann noch interessiert, hab das auch weitergemacht.
Hab dann auch einfach Zeitschriften geschrieben, aber immer über Sport, nur. Und dann wollt ich sozusagen gucken, ob in den West-Zeitungsartikeln politische Themen untergebracht sind.
Das war ja noch in der Zeit des Kalten Krieges. Also: die im Westen waren die Bösen und wir im Osten waren die Guten.
Und ich wollte also nachweisen, dass die im Westen ihre Leute da verscheißern, also manipulieren.
Konnte ich nicht in jedem Fall nachweisen, was ich nachweisen konnte:
Ich hatte da ne Studie gemacht, mit einem Forschungsinstitut in Leipzig, hab praktisch DDR-Bürger gefragt, mit Texten aus dem Westen und Texten aus dem Osten. Und dabei festgestellt, dass die das gar nicht unterscheiden konnten. Dass
im Umkehrschluss hieß, die haben alle Westfernsehen geguckt. Ich war ein typischer DDR-Bürokrat, sozusagen eher ein Roter. Wenn man heute sozusagen
die Farben verwendet. Ich war dann in der Partei, war FDJ-Sekretär, eine Zeit lang an unserem Sportinstitut. Ich
habe gedacht, manchmal denke ich es heute noch, dass Sozialismus eigentlich etwas ganz Gutes ist. Ich habe das auch noch außen vertreten, zumindest bis 1968.
1968 gab es eine Zäsur in unserer Familie. 1968 war der Einmarsch der Russen, der Roten Armee in der Tschechei. Wenn man heute über die friedliche Sowjetunion spricht, und man sagt, dass die eigentlich keinen Krieg wollen, denn man hat ständig Kriege geführt.
Das war bloß nicht so bekannt. Also die sind mit Panzern hier durch Deutschland gefahren, als
die Arbeiter auf die Straße gegangen sind, 1953, die sind in Ungarn eingerückt, haben tausende
Ungarn erschossen, mit ihren Panzern, sind in die Tschechei eingerückt, in Afghanistan. Das wurde ja bei uns nicht thematisiert.
1968, da war ich,d as war am 21. August, glaube ich, da war ich mit einer Sportlergruppe in In der Tschechsheil, Tsche SSR.
der Tschechei, CSSR, und hab da Orientierungslauf gemacht und ich bin am Sonntag abend mit meiner Frau zurück gefahren, weil ich Montah wieder arbeiten wollte. Und die Jungs, das waren alles Abiturienten und ein bisschen jünger noch, die sind dort geblieben.
Die hatten noch Zeit, die Ferien gingen erst eine Woche später zu Ende. Und Montagfrüh sind die Russen mit den Panzer reingefahren.
Und mein Bruder und einige andere, die waren in Prag zwischen dem Panzern sind die rumgelaufen und mein Bruder hat fotografiert
und Flugblätter gesammelt.
Konnte er zwar nichts mit anfangen, die waren auf tschechisch oder russisch, hat Sachen gesammelt
und hat dann den Fehler gemacht, hat davon in der Schule erzählt, wo sie wieder zurückgekommen sind
und abends stand die Stasi vor der Tür und hat sozusagen Hausdurchsuchungen gemacht, alles durchgewühlt.
Die Fotos gefunden, die Flugblätter gefunden, meinen Bruder gleich mitgenommen
und er wurde dann nach einem Monat zu dreieinhalb Jahren verurteilt,
wegen feindlicher Propaganda,
Verbreitung von feindlichen Flugblättern und so.
Drei andere von der Gruppe auch,
also vier Mann von der Gruppe sind verurteilt
worden. War aber insofern, aus heutiger Sicht, so ein Präventivschlag der DDR-Staatsführung,
in der ganzen DDR wurden über 1000 junge Leute sozusagen verhaftet, damit die diese - was ja in Prag damals los war,
ich war ja selber dort, dass das nicht in der DDR verbreitet
wird. Mein Bruder hatte also Fotos, wir haben die alle wieder gekriegt, jetzt, über die Stasi-Unterlagenbehörde, der
hatte Bilder gehabt, zum Beispiel auf der berühmten Brücke, diese
Wenzelsbrücke, die zum Hradschin führt, wenn Sie schon in Prag waren, die schönste Brücke. Aber da hatten die Prager überall auf die Straße geschrieben, “Russen raus” und “Ihr seid die Faschisten” und was weiß ich.
Solche Sprüche hatte mein Bruder alles fotografiert.
Und ja, Weihnachten,
ich hatte dann versucht, der Rechtsanwalt hatte
nichts erreicht, wir hatten einmal im Gefängnis besucht. Da durfte man nicht reden, nur über Privates.
Hier saß der Offizier. Wir saßen so, durften uns nicht berühren.
Den Koffer mit Lebensmitteln und Kleidung durfte ich nicht übergeben.
Der ging hinten rum, der
wurde kontrolliert.Ja, Weihnachten wurden die dann alle freigelassen, trotz Verurteilung, zumindest alle, die ich kenne. Und ein Jahr später hat keiner mehr darüber gesprochen.
Mein Bruder hat dann in der Abendschule Abitur gemacht. Er war gerade kurz vorm Abitur.
Das fiel natürlich aus, weil er ein halbes, viertel Jahr weg war, in der Schule. Und hat dann als Staatsfeind Atomphysiker studiert. Er
wurde da Physiker nach dem Atomkraftwerk eine Zeit lang gearbeitet. Das war schon kurios.
Also das waren die politischen Beziehungen, die wir hatten, 1968 war da so ein bisschen eine Zäsur, in meiner Einstellung zur DDR. Beim Stenografieunterricht, Bei der Stenografie auch doch nicht.
also ich hatte mit 19 geheiratet. Das war in dem Jahr, wo ich gearbeitet habe.
Ich habe normal gearbeitet, trainiert und hatte halt Zeit
und da habe ich gedacht, ich gehe noch in die
Volkshochschule und lerne Steno, damit ich als Student schneller mitschreiben kann, also Laptop und so gab es ja damals nicht. Ich musste noch alles mit der Hand schreiben.
Und mit Steno konnte man ja viel mehr Text sozusagen aufschreiben, als mit normaler Schrift. Meine Nachbarin, die wohnte in meiner Gegend und auf dem Heimweg haben wir uns irgendwie kennengelernt.
Ich war gerade in Rudolstadt gelandet,
bin nach Gera gekommen, die in Rudolstadt, die haben mich abgeworben,
ich war dort Stabsmitarbeiter im Direktorat für Kultur- und Sozialwesen,
war verantwortlich für die Ferienheime und für Sport und so.
Beim Generaldirektor Chemiefaserkombinat, der hatte alle Chemiebetriebe, die Kunststofffasern gemacht haben in der ganzen DDR,
sozusagen unter einem Dach und der größte Betrieb war in Rudolstadt. Gibt es heute nicht mehr, da stehen auch noch Reste. Wir hatten 4.000, 5.000 Betriebsangehörige dort.
Und da habe ich irgendwo mal eine kluge Rede gehalten und da kam der Rat des Bezirkes, also von Gera nach Rudolstadt und hat gesagt: Wollen Sie nicht nach Gera? Also bin ich nach Gera gekommen.
Ich war eigentlich mehr für andere Sachen zuständig. Also ich war für alle Ferienlager zuständig, war für... Also zuständig war mein Direktor
und ich war Stabsmitarbeiter und musste sozusagen auf meinem Bereich alles vorbereiten und an sich durchsetzen nach unten, dass das dann realisiert wurde. Also ein So eine Masse trägt.
Masseträger. Ja, und hier bin ich, war ich in der Kultur ich war sozusagen Chef der Volkskunst.
In der DDR gab es solche Strukturen, die gibt
es heute, also Sport gibt es ja noch,
ja, Sportbund, deutsche Olympische Sportbund, wo alle Vereine drin sind, alle Verbände,
sowas gab es in der DDR, das war DTSB,
und sowas gab es auch in der Kultur,
wo alle Chöre, Malzirkel, was weiß ich, Volkstanzgruppen, Akkordionorchester organisiert waren,in
so Kabinetten für Kulturarbeit, das
gab’s auf Kreisebene, Bezirksebene und auf DDR-Ebene. Und ich war sozusagen der Chef von diesen Kulturgruppen in der Zeit. Ich war damals noch, ja, war aus der Nationalmannschaft aus, aber war noch relativ gut,
war dann Trainer der Frauen-Nationalmannschaft und habe jedes Wochenende irgendwelche Wettkämpfe gemacht. Und in der Kultur fand sozusagen meine Arbeit am Abend statt.
Diese Volkskunstgruppen, die haben sich natürlich am Abend getroffen, die mussten den Tag über arbeiten. Also war ich jeden Abend unterwegs und bin nicht mehr so richtig zu meinem Sport gekommen.
Und das Zweite war noch für mich viel schlimmer, auch heute wahrscheinlich immer dasselbe. Es haben alle geraucht.
Also im Sport kannte ich das gar nicht, aber in der Kultur haben alle geraucht. Wenn ich irgendwo zu so einer Theatergruppe kam, in der Pause wurde geraucht.
Überall wurde geraucht. Und das hat mir als Sportler derartig missfallen.
Und dann hatte ich mich, das war der Auslöser, ich hatte mich mit meinem Chef angelegt, der wollte nicht so wie ich oder so wie er. Und da habe ich gesagt, ich höre in der Kultur auf.
Ich konnte aber nicht aufhören:
Wer Lehrer oder im Staatsdienst war, der war Berufungskader, da konnte man nicht aufhören. Da musste man goldene Löffel klauen oder krank sein oder so.
Ansonsten war man berufen,
da konnte man einen Antrag stellen, dass man abberufen wird.
Aber das haben sie gemacht oder nicht,
je nachdem ob die Stelle besetzt werden sollte. Mein Chef hat gesagt: “Sie dürfen nicht gehen!”, und da habe ich dann ein bisschen krank gespielt. Da habe ich immer heftig gehustet, wenn geraucht
wurde.Und dann hat er mich dann doch entlassen, hat aber dafür gesorgt, dass ich keine Arbeit mehr kriege. Also sozusagen als Berufungskader, wenn man von sich ausgeht, als Lehrer zum Beispiel, so durfte einen kein Betrieb in der DDR mehr einstellen.
Ja, und da habe ich mit einem Freund das vorher geklärt gehabt und er hat gesagt, kommst du zu meinem Vater, der ist Oberförster in Blankenheim, wo ich herkomme, und da gehst du in Forst, weil wir suchen immer. Und da sagte ich: Alles klar, ich geh in den Forst!
Und das hatte sich aber rumgesprochen, dass ich das verlasse. Ich hatte ja so eine Übungsgruppe, sozusagen eine Laufgruppe gegründet.
Und dann kam einer von der Laufgruppe und sagt: Komm mal zu meinem Chef. Sag ich: Wer ist dein Chef? “Alfred Rohde.”
Wer ist Alfred Rohde? Alfred Rode war der Parteichef von der ganzen Wismut in der DDR. Die Wismut war
Der Wissen mit war in Wiesel in Bezirk. ein Riesenbezirk. Und die hatte auch eine eigene Partei und FDGB, also Gewerkschaft und sonstige Struktur.
Und dieser Parteichef war zufällig Rennsteigläufer. Ich habe den Rennsteiglauf gegründet 1971 und war sozusagen einer der Chefs dort. Er hat
gesagt: Ich habe gehört, Genosse Kremer, Sie haben keine Arbeit. Da habe ich ihm das erzählt. Er hat
gesagt: Du kannst morgen bei uns anfangen. So bin ich zur Wismut gekommen. Das habe ich von vornherein ausgeschlossen,
weil ich durch meine Laufgruppe die Probleme der Wismut kannte.
Wir haben immer in der Gruppe trainiert, und da
war einer, mit dem habe ich fast immer trainiert, weil der mein Tempo hatte,
war damals der Chefgeologe und der hat mir damals erzählt, wie das so ist, wie das mit der Strahlung ist und so. Da habe ich gesagt: Kann ich mal mit runterkommen? Da
hat er gesagt: Nee, würde ich dir nicht empfehlen.
Ich war sofort integriert, weil ich war im Gebiet hier im Geraer Raum,
also im Raum Ronneburg für alle Schächte zuständig
und dort für den Volkssport. Heute heißt das glaube ich Breitensport, damals war es Volkssport. Für den Volkssport zuständig,
Wenn Bergleute Sport gemacht haben, ihr Sportfest oder Sportabzeichen abgelegt haben, musste ich das organisieren.
Und auf der Ebene hatte man sofort zu den Kumpels Kontakt und
die haben einen auch schnell mal zu nem Kumpeltod eingeladen, der berühmten Bei den drinnen Berkmannschaftsrausagen. Bergmannsschnaps. Das war ganz freundschaftlich von Anfang
an. Wir hatten unser Büro anfangs gegenüber vom Bahnhof, also Hauptbahnhof hier, da links, wo man rauskommt rechts, dieses ehemalige Hotel, weiß nicht, was heute drin ist.
Und daneben ist so ein großes Gebäude, da saßen wir vom Sport drin.Wir waren ne Truppe von über 30 Mitarbeitern, die für den Sport zuständig waren. Und da bin ich früh um halb acht oder um acht angerückt.
Also in der Wismut war es ja üblich, um sechs ging es los mit der Schicht. Also eher untertägig oder so, oft waren wir auf den Schächten.
Bei mir fing es erst um acht an.
Dann habe ich vormittags meinen Bürokram gemacht bis nachmittags, dann so ein Abendbrot bei den Sportgruppen oder bei den Betrieben im Raum Ronneburg. Wir waren eine eigene Truppe.
Wir gehörten zum Paitzdorf. Es gab ja Also ich glaube, mehr an der Schicht.
mehrere Schächte, Paitzdorf war einer von den älteren. Der hatte sozusagen Sport am Bein. Jeder
Schacht hatte so einen Spezialbereich, der nichts mit untertägigen Sachen oder so zu tun hat. Und Paitzdorf war für den Sport zuständig.
Und dort hatte ich... Der ständige Ansprechpartner war sozusagen der Kulturchefin oder Sportchefin in dem Schacht, wo ich hin bin, wenn ich mit denen was zu tun hatte.
Aber das war im Schnitt einmal die Woche oder
so, da bin ich da rausgefahren.
Und manchmal, es gab ja hier in Gera so ein Wismut-Transportsystem,
wo Busse sozusagen im Takt fuhren, wie
heute im öffentlichen Verkehrsbetrieb. Also wir hatten Buslinien, das
war Betriebsberufsschule,
wenn wir zum Mittagessen wollten oder wenn wir
in den Schacht wollten, fuhren dann Busse oder so.
Da bin ich dann manchmal rausgefahren
und wenn die Kumpel Schichtende hatten, 14 Uhr, habe ich die sozusagen am Schichtende abgeholt
und bin mit denen dann auf den Sportplatz gegangen,
irgendwelche Sachen mit denen organisiert oder die betreut, die an Sport Interesse gehabt haben. Man muss dazu sagen, die untertägigen Kumpel, die richtig vor Ort gearbeitet haben, die haben wenig Sport gemacht.
Die hatten die Schnauze voll und waren fertig. Die wollten nach Hause gehen.
Zumal, die meisten kamen ja nicht aus Gera, also das Einzugsgebiet, ich hatte dann so eine Patenbrigade. Das war üblich, alle, die in der Verwaltung waren, hatten jemanden vor Ort als Patenbrigade. Mit denen hat
man dann, da wurden man eingeladen, oder
man hat die reingeladen, das war organisiert. Und ich hatte eine Patenbrigade, die waren alle vor Ort im Schacht, also richtige Hauer und so.
Und die kamen aus einem Einzugsgebiet,
das ging von Zwickau bis Altenburg,
kurz vor Leipzig, einer kam aus Rudolstadt,
Saalfeld, aus so ein riesigen Einzugsgebiet kamen die Mitarbeiter.
Das hängt so mit den Anfängen an,
wo die Wismut ja in der ganzen DDR Leute geworben hat
und Mannschaften wohnten halt auch zu Hause
und es fuhren halt überall Busse,
also wo mehrere Leute waren.
Und die haben natürlich dann keinen Sport gemacht,
die wollten nach Hause.Ja, wir hatten ein großes, es gab hier unser Sportgelände, wo jetzt das Stadion ist,
das war ja viel größer,
also vor der BuGa war das ja schon richtig großes Gelände
und dann hatten wir in
Ronneburg, das gibt’s glaub ich noch, dort
wo das Schwimmbad ist und da ist ne große Halle und Leichtathletik. Und da hatte man eigentlich alles, was man braucht.
Das waren die beiden Sportgelände. Und dann gab es zum Teil auf den Schachtgeländen kleine Volkssportanlagen.
So mit einen Volleyballplatz und einer Weitsprunggrube. So ein bisschen so mal sozusagen den Sport vor... Die Idee war eigentlich, weswegen sie mich auch geholt haben, ich sollte den Sport vor Ort organisieren. Das
heißt, wenn die sozusagen aus dem Schacht kamen, wenn die ihre Zivilkleidung anhatten, sollten sie erstmal Sport machen. Das war aber illusorisch. Das war die Vorgabe aber
es hat nicht funktioniert.
Dann wurde vielleicht einmal im Monat ein Sportfest gemacht,
da sind dann ein paar dageblieben,
weil es hinterher Bratwurst und Bier gab,
aber ansonsten war das eher nicht so typisch. Dafür gab es dann richtige große Betriebssportfeste, die waren halt so organisiert, dass die dann frei hatten. Das war praktisch in so einer Freischicht,
die hatten ja dann immer in der rollenden Woche ein paar Tage, wo sie frei hatten, dann fanden so größere Sportfeste auf Betriebsebene statt. Meistens in Ronneburg. Da muss man ein bisschen Sportgeschichte machen
in der DDR war bis Ende der 1950er Jahre war der Sport in den Betriebssportgemeinschaften ziemlich autark organisiert. Die waren zusammengefasst in Sportverbänden nach Gewerkschaftsstruktur, also “Motor” oder “Wismut” oder “Handel” oder solche Sachen.
Und dann wurde das aufgelöst und die BSG, die waren den Fachverbänden unterstellt, den DTSB, und nicht mehr den Betrieben. Vorher waren es vorwiegend Betriebsangehörige und dann wurde nachher auch aus der Bevölkerung aufgenommen.
Also Wismut Gera, um das mal am Beispiel zu machen, es gab die eine BSG hier. Also Wismuts gab es ungefähr 15. Die
weiteste war hinten Pirna-Copitz. Und hier in der Umgebung gab es dann Seelingstädt und Ronneburg und noch so ein paar, in Berga gab’s glaube ich eine. Wir hatten 4000 Mitglieder
und von den 4000 waren ungefähr 150 Bergleute. Die Hälfte waren Kinder und Jugendliche. Wir
hatten acht oder neun Patenschulen
und haben die Kinder in den Schulen abgeholt und zu uns in den Sport geholt. Also nach der Schule, Mittwochs, dieser Mittwoch, den gab es dann immer und die konnten da in irgendwelche Sportgruppen gehen. Und abends war’s sozusagen die normale Geraer Bevölkerung.
Also entweder aus unserer Verwaltung, von der Wismut, aber das waren auch eher wenige, sondern ganz normale Bürger von Gera, die sonst was gemacht haben, die kamen zu uns und haben bei uns Sport gemacht. Und da war der Sport relativ beliebt.
Man hat sogar keine Plätze gekriegt im Sport. Es gab Sportarten, die waren limitiert: Schwimmen.
Da hatten wir zwei Schwimmzeiten. Für 4000 Mitglieder. Zwei Bahnen. Da
kann man nicht so viel schwimmen. Da kann man sich vorstellen, auch Tennis. Da
waren zehn Tennisplätze und da war eine Limitierung. Volleyball, da kriege ich 20 Mann in die Halle. Auch
da müsste schon die Hälfte immer sitzen, wenn die anderen spielen oder so. Also es war wie bei vielen Sportarten limitiert, im Erwachsenenbereich.
Und dann hat es sich aber sich folgendes herauskristallisiert, dadurch dass die DDR sich vorwiegend auf Kinder- und Jugendsport gestürzt hatte,
bei uns waren das über 2000 Kinder und Jugendliche, fielen die Erwachsenen immer weiter hinten runter. Und da hat die DDR-Führung das erkannt und hat Anfang der 1960er Jahre dazu Parolen herausgegeben, also Walter Ulbricht, der Name ist vielleicht noch bekannt. “Jedermann
in jedem Ort in der Woche einmal Sport!” wurde dann gerufen. Ging aber nicht, da waren ja keine Sportstätten da.
Und dann waren wir als Läufer relativ gut dran,
weil wir kein Sportnetz brauchten, weil wir im Wald rumgerannt. Und dann habe ich, weil ich kam ja nun aus der Sportwissenschaft, ich habe dann bei der Wismut eingeführt, so eine Art Kurssystem, so wie das heute an den Universitäten ist.
Also wer wollte, erst Wismutleute, aber dann auch aus der Stadt, der konnte sich bei uns für bestimmte Sportarten als Erwachsener anmelden. Es gab Sportarten, da hatten wir nur noch Kinder und Jugendliche in der Leichtathletik zum Beispiel, oder im Radsport. Und da konnte man sich anmelden, hat einen vierteljährigen Kurs gemacht als Erwachsener, wurde
sozusagen auf die Sportarten vorbereitet und wurde dann wieder ins Freie entlassen, sozusagen, dass man den Sport individuell weiter treibt. Das war dann sozusagen die Idee des Volkssports, bis zur Wende eigentlich.
Für die Mitarbeiter - die haben gut verdient, versorgungstechnisch war’s gut. Und es hat der Stadt Geld gebracht, denk ich. Es wurden viele Dinge gemacht, die ohne Wismut nicht passiert wären, baulich und
so. Auch das Krankenhaus.
Das war ja zum Teil ein neuer Standort, es gab zwar das Bezirkskrankenhaus aber das Wismut-Krankenhaus war sozusagen Sonderversorgungsbereich. Es gab eine eigene Handelsorganisation, die konnte aber auch von den normalen Nicht-Wismutern genutzt werden Das wurde dann aber in den 1980er Jahren als ich da war, weitestgehend abgeschafft.
Wir hatten eigene Läden und ein eigenes Transportsystem. Also ich denke, die Wismut hat für Gera einiges getan.
Da ich übertägig war, wurde ich nach Übertage-Tarifen bezahlt, aber die waren gut. Kann man nicht meckern. Die gab es nur für Leute, die unter Tage waren, aber mir wurden manchmal so ein paar Marken zugeschoben.
Das war ja sozusagen die zweite Währung, wenn ich meinen Trabant reparieren lassen will oder so, habe ich den Handwerker nochmal ein paar Marken gegeben. Und man konnte, wenn man, so wie Sie, ein bisschen jünger war, da gab es da keine Schnapsmarken, sondern da gab es Schokoladenmarken.
Also die, die sozusagen dann mal unter Tage sein sollten. Also richtig im Bergmannsberuf. Die anderen haben es nicht gekriegt.
Naja, vergleichsweise zum DDR-Bürger, ja! Wir haben fast jedes Jahr, wenn wir gewollt hätten, hätten wir einen Ferienplatz haben können.
Die Wismut hatten sehr viele Ferienheime, gerade an der Ostsee. Wir hatten eine bessere Gesundheitsversorgung durch unser eigenes Krankenhaus, eigene Polyklinik und so.
Und auch die Versorgung war etwas besser. Das wurde sozusagen dann immer intern organisiert. Also in den Läden, auf den Schächten,
also auf den großen Schachtbetrieben gab’s auch eigene Läden.
Und wir hatten dann sozusagen unsere eigene Versorgung für die Sportler und vor Weihnachten gab es dann mal Banane oder Apfelsine oder so. Und was für, was heute nicht mehr vorstellbar ist, aber wir bekamen schneller unseren Trabant. Normalerweise
hatte man zehn Jahre gewartet, so im Schnitt. Und wir konnten so, ja, vier, fünf Jahre. Über Tage, unter Tage ging es, sag ich mal,
noch schneller. Und wir haben vorhin gerade drüber gesprochen, ich hatte ja so eine Patenbrigade. Da lebt nur noch einer von 30 Mann. Die anderen
sind alle gestorben. Muss man aber sagen, das waren alle welche, die schon 1952, 1953 angefangen hatten in Schneeberg.
Also sozusagen eine Urtruppe, die noch das Uran mit der Hand ausgekratzt hat und sich im Winter gefreut haben, dass das schön warm war und das angefasst haben und
so. Die haben das alle nicht überlebt, bis auf einen, aber da habe ich keinen Kontakt mehr, aber der hatte dann auch ne schwere Krebsoperation.
Und zu ein paar Leuten vom Sport habe ich noch Kontakt. Ich habe das Glück gehabt, ich sollte Chef vom Wismut-Sport werden.
Ich war ja nur Stellvertreter für Freizeit- und [???]sport. Ich sollte dann Chef werden und wollte das nicht. 1987,
und da habe ich dann gehorcht, wo kann ich eventuell hinkommen. Und da hat die Universität, die mich erst vergrault hat, gesagt: “Komm, wenn du Arbeit suchst, kommst du zu uns!”, da bin ich 1987 zur So Universitätszoll.
Universität zurück, zwei Jahre später gab’s keine Wismut mehr, das war also Glück. Habe ich kaum noch Kontakt.
Also ich hab noch Kontakt zu Sportlern, die bei der Wismut gearbeitet habe,
zwei die noch im Gera leben, die waren noch untertägig,
aber die waren nicht so berufen. Der eine war Maurer, die haben dann den Ausbau unter Tage gemacht, und der andere war Markscheider, der hat die Vermessungsarbeiten gemacht.
Die haben anscheinend nicht so viel von der Strahlung abgekriegt
und ich denke im Raum Ronneburg war’s auch nicht ganz so schwer,
also die Belastung nicht ganz so schwer. Die Radonbelastung war überschaubar, wenn man regelmäßig dort kontrolliert wurde, als im Schneeberger Raum, wo man tatsächlich mit Pechblenden gearbeitet hat.
Das Krankenhaus gehörte in meinen Einzugsbereich. Das war sozusagen außer von den Schächten her, war das Krankenhaus, die Betriebsberufsschule, in Seelingstädt war der Kraftverkehr, das gehörte alles zu meinem Bereich.
Dadurch hatte ich natürlich zu
Krankenhäusern, zu den Ärzten und so, habe ich auch regelmäßig Sportfeste organisiert, regelmäßig Kontakt. Wobei die nicht so viel erzählt habe, also es wurde nicht so offen drüber gesprochen, muss man sagen.
Alle wussten es, also zumindest in dem Bereich, wo ich tätig war, dass das Uranabbauen nicht so die gesündeste Tätigkeit ist und auch mit Schäden behaftet sein kann. Aber dass man da konkrete Zahlen oder so bekommt, das wurde eher unter der Hand diskutiert.
Wir gehörten ja zu denen,
die mit den Fahnen auf den Demos waren. Und da muss ich erklären, wir wohnten gleich hier drüben in Untermhaus, gegenüber vom Dix-Haus, ich weiß nicht ob Also ich habe die Birke, dass man erzählen kann.
die Birgit das mal erzählt hat. Und das einzige Haus, was da noch nicht saniert ist, da wohnten wir drinnen. Unsere Wohnung ist auch die einzige Wohnung, die bewohnt ist in dem ganzen Haus.
Wir hatten da viel Geld reingesteckt. Und dieses Untermhaus sollte Ende der 1980er-Jahre flächendeckend abgerissen werden.
Und dort sollten Neubauten hinkommen, DDR-Plattenbauten. Dann haben sie aber festgestellt, dass die LKWs, die diese großen Betonteile bringen, die konnten nicht über - die Eisenbahnbrücke Das war die einzige Brücke für den Verkehr.
ging sowieso nicht die sogenannte Cuba-Brücke, die konnte die Lasten nicht aufnehmen. Und hintenrum konnte man nicht, weil eine Eisenbahnunterführung war.
Also war dieses Projekt, Neubauten zu bauen, ad acta. Aber die Häuser standen schon leer.
Sind ja viele so kleine Häuser, die waren schon leergezogen, die wollten sie ja wegreißen. Das war also wirklich Abrissviertel.
Und da hatten wir dann 1989 so eine Bürgerinitiative
gegründet, “Abriss-Stop
in Untermhaus” und sind dann bei den Demos mit Transparenten
rumgerannt. Wobei mein damaliger Schwiegersohn, von meiner großen Tochter, der war da Initiator, war also bisschen mehr engagiert, als wir, aber ich war auch bei den Demos dabei, bei der ersten nicht, aber bei der Zweiten, 1989er Demo. Und da war das Spannende,
ich bin in der dritten oder vierten Reihe marschiert. In der ersten Reihe lief der Oberbürgermeister.
Und hinter ihm lief eine Gruppe, alles jüngerer Männer.
Normalerweise hätte ich keinen Arzt gekannt,
ich kannte die aber alle, weil die Staatssicherheit, die wohnte ja bei uns in Untermhaus
und hatte einen eigenen Sportverein: SG Dynamo Gera Mitte. Das war dieses - bei den Tennisplätzen gibt’s so eine Sportschule, weiß ich gar nicht, was jetzt drin ist.
Und dort waren die beheimatet
und die hatten eine Laufgruppe, die kannte ich natürlich alle. Und ich wusste genau, wer zur Stasi da gehört hat. Und dann marschierten wir, ich mit meinem Transparent, dann durch die Stadt.
Und dann ging es Richtung Untersuchungsgefängnis damals, was heut nicht mehr steht. Und alle haben geschrien, “Stasi in die Produktion”, die auch mit, “Stasi in die Produktion”.
Und dann machten die auf einmal links rum, dass wir nicht Richtung Gefängnis marschieren, sondern anders lang. Das war sozusagen die Friedliche Revolution in Gera. Im
Endeffekt hat mich mein Bruder, der war ja in Berlin, der in Gefängnis saß, angerufen und hat gesagt, komm nach Berlin, wir können rüber nach dem
Westen. Also wir hatten schon ein Telefon, war ja was Besonderes, ein Telefon zu haben damals, aber über die Wismut habe ich ein Telefon gekriegt. Und
der hat mich dann angerufen, als die Mauer gefallen war, abends noch, aber wir sind dann nicht hin. Das Es war ein Zwang wirklich.
war uns zu aufwändig. Ich war an der Universität an der Stelle, die ich sozusagen 1976 nicht gekriegt habe, die habe ich dann gekriegt.
In den Hochschulen und Fachschulen der DDR musste jeder einen Sport machen,
mindestens vier Semester, Pflichtsport,
und wer seinen Sportstempel nicht gekriegt hat, das war also nur Teilnahme, da
gab’s so kleine Überprüfungen, Sportabzeichen, aber das war eher schaffbar. Und wer seinen Sportstempel nicht gekriegt hat, wurde zu den Prüfungen nicht zugelassen.
Ganz rigoros, man musste vier Stempel haben, vier Semester Sport belegt, dann kam man zum Staatsexamen. Wenn man den Stempel nicht hatte ist man wieder abtereten, musste erst sein Sportsemester nachholen. Und
ich war in dem Bereich, der diesen Sport organisiert hat. Und dann kam die Wende und zwei Tage später hat der Studentenrat beschlossen: Pflichtsport wird abgeschafft.
Pflichtsport, Russisch und Marxismus-Leninismus wurden sozusagen sofort abgeschafft. Ich war sozusagen Stellvertreter und dann Leiter von diesem Bereich. Ich hatte 25 Mitarbeiter und keine Studenten mehr.
Die waren auf einmal alle weg. Das war vorher wie in der Schule eingeteilt.
Um acht kam die erste Gruppe, um neun die zweite und so. Und wir haben mit denen dann Sport gemacht. Ja, dann haben wir folgendes gemacht, haben wir schon im Januar ein Sportprogramm entwickelt, alles abends, nach unseren Möglichkeiten.
Jeder hat dann Sportarten angeboten, die, ich habe immer gesagt, manchmal wusste ich gar nicht, wie sie geschrieben werden, also japanische Kampfsportarten und so. Jeder hat seine Sportarten angeboten.
Und dann sind wir zu den Studenten, haben gesagt, ihr müsst nicht, aber ihr dürft. Und auf einmal hatten wir mehr Studenten im Sport als früher.
Beim Pflichtsport war es so, dann hat jeder sich versucht zu drücken und ein Attest vom Arzt gebracht und was weiß ich. Wir hatten immer von 2000 Studenten, die sozusagen hätten Sport machen müssen, hatten wir 600 Attestanten.
Die durften dann, wenn sie einigermaßen zu Fuß waren, zum Attestschwimmen. Auf einmal waren alle da, selbst Studenten, die vorher immer krank waren, kamen dann zum Sport.
Ich durfte aber dann in dem Bereichen, in Anführungszeichen, Einschrumpfen von 25 auf 4, musste ich dann mehr oder weniger entlassen. Ja, die Wismut war, so für mich jedenfalls, in der öffentlichen Wahrnehmung eher nicht so präsent, wenn man nicht gerade in der Sportsblase war. Aber da Gera Bezirkshauptstadt war, war Gera eigentlich immer für DDR-Verhältnisse ganz gut versorgt. Eher
damals eine Rolle hat ja gespielt, dass Gera damals ein Industriezentrum ungeheuren Ausmaßes war. Also Textilwaren, Modedruck, alle möglichen Maschinenbaubetriebe, Textilbetriebe, Baubetriebe draußen hinter der Autobahn. Also da waren ja richtig viele “Industrieproletarier” da.
Und dadurch hatte GERA eigentlich immer relativ viel Kultur und sonstiges, was man zum Teil noch sieht im Kulturhaus. Wie heißt es jetzt? Weiß ich gar nicht. Da
war richtig was los. Aberie Wismut war eigentlich öffentlich nur im Sport präsent, das muss ich vielleicht noch erklären,
es gab zwei Wismut, es gab die BSG Wismut, also im Sport, das waren wir, 4000. Plus, ich weiß nicht, wie viele Tausend Betriebe. Und dann gab es die SG, Sportgemeinschafts Wismut. Die hatten in der Gagarinstraße... Heißt die noch Gagarinstraße?
Dort, wo das Hotel ist, da hatten die ihr Zentrum.
Das war der Sportclub. Die hatten nur die Boxer und die Radfahrer. Und die waren Weltspitze. Das waren sozusagen die Profis aus heutiger Sicht.
Hängt damit zusammen, jeder Bezirk hatte so einen Proficlub. In Erfurt war’s Turbine, in Cottbus war’s Energie, Berlin hatte Dynamo.
Jeder hatte so einen Sportclub und der Bezirk Gera hatte einen Sportclub, der war aber in Jena. Das hatte sich historisch so entwickelt, Motor Jena. Und da
war die Bezirkshauptstadt immer neidisch. Da waren die besseren Fußballer und die Leichtathleten, alle waren in Jena und Gera hatte nichts.
Und da hat dann diese SED-Bezirksleiterin mit der Wismut ausgeguckelt, dass die sozusagen eine kleine Sportanlage nach Gera getan haben. Ja, das waren die Boxer und die Radsportler.
Da war es am unkompliziertesten mit den Sportstätten. Die Radfahrer, da gab’s ne Radrennbahn, die gab es schon. Und die anderen sind auf der Straße gefahren und die Boxer waren relativ klein.
Die haben dann allerdings diese große Panndorfhalle gebaut, also der Vorgänger, der war dann fertig. Das waren sozusagen die zwei Wismut-Sportinstitutionen hier in der Stadt.
Und diese SG war im Stadtbild natürlich präsent,
diese Spitzensportler, nicht dass sie ständig rumgelaufen sind. Aber die waren in den Medien, wenn irgendwelche öffentlichen Veranstaltungen waren, die Olympia-Sieger, Weltmeister, was da so alles gab, auch rumgezeigt und rumgeführt
und vermittelten sozusagen den Eindruck, dass wir eine Sportstadt
waren. Am 1. Mai gab es einen Sportlerblock. Da gibt es ja die bekannte Geschichte, ich weiß nicht ob Birgit das mal erzählt hatte, da habe ich mal für einen Fauxpas gesorgt. Das war meine letzte Aktion, bevor ich weg bin.
Ich musste das organisieren, alle Sportler antreten. Ich glaube, wir haben es bei der 18., also jetzt, die Schule steht nicht mehr.
Da, wo die Schwimmhalle steht, gab es ja eine Schule, die 18.
POS, Panndorf hieß sie damals. Da wurde gesammelt und dann wurde losmarschiert. Also ein paar Hundert Sportler, jeder mit seinen Sportkleidung und was weiß ich. Und dann
habe ich mir einfallen lassen, mit allen Fußballern, wir hatten DDR-Liga-Fußballer, also sozusagen die zweite Spielklasse. Dann hatte ich alle die Spitzenfußballer, die gerade marschieren in der ersten Reihe, elf oder zwölf, hat jeder einen Ball gekriegt und alle haben drauf unterschrieben.
Auf jedem Ball waren sozusagen mindestens 20 Unterschriften Der Gag war, waren auch keine Lederbälle, waren nur billige Gummibälle, aber sahen aus wie echt. Der Gag sollte sein, wenn wir dann an der Tribüne vorbeimarschieren, wo die hohen Herren und Damen des Bezirkes, also Bezirkssekretär, Oberbürgermeister und so Ehrengäste saßen, dass wir denen die Bälle geben, mit de Unterschriften,als Souvenier. Und
wir marschieren vorbei und dann sagt irgendeiner “UND JETZT!” und dann haben sie die Bälle nach oben geworfen. Was passiert auf der Tribüne? Sie gingen alle in Deckung. Die
dachten, das ist ein Attentat, was wir machen. Das war so gerade in der Zeit vor der Wende, wo überall Rote Armee Fraktion im Westen rumgeistert, auf einmal verschwand alle. Wir dachten, die freuen sich, dass sie die Bälle kriegen. Nee,
hinterher habe ich einen Anschiss gekriegt, das hätte ich vorher sagen müssen.Das
war Teil der Politik, also in meinem Bereich, das was ich gemacht habe, Freizeit- und Erholungssport, das war Sozialpolitik. Da ging es ja nicht darum, dass sie Sport machen um des Sportes willen, die sollten Sport machen, damit sie gesund bleiben. Im
weitesten Sinne für die Produktion, das wurde nicht so laut gesagt, aber im Sport sollte man dazu beitragen, dass die Leute nicht so oft krankgeschrieben werden und dass sie sich wohlfühlen. Ich habe die ganze Zeit immer bisschen wissenschaftlich gearbeitet. Wir haben dann auch nachgewiesen, dass die Leute, die regelmäßig zum Sport kamen, gerade beim Laufen war das ganz typisch, die waren halt deutlich weniger krank. Wobei
wissenschaftlich gesehen natürlich eine Auslese da ist. Wenn ich von vornherein gehändycapped bin, dann gehe ich nicht zum Marathon.
Aber wer regelmäßig gelaufen ist, ich hatte so Zahlen damals ermittelt, die durften auch nicht veröffentlicht werden. Also der normale Krankendurchschnitt in der DDR lag bei 12 Krankenausfalltage, in der Gesamtbevölkerung, arbeitende Bevölkerung. Und wir hatten ermittelt, für die Läufer, also für die Rennsteigläufer, hatte ich es ganz genau gemacht, und die sind immerhin damals so 70 Kilometer gerannt, bei einem Wettkampf, und im Jahr vielleicht 1.000- 2.000 Trainingskilometer. Die hatten zwei Krankenausfall
Tage. Also es hat sich schon bemerkbar gemacht.
Es war auch ein bisschen unsere Argumentation, wenn wir etwas sagen können, ja, ist doch gut, wenn die Leute Sport treiben. Ja, das ist ein totaler Unterschied.
Also erstmal ist der Sport viel, viel individualisierter als damals. Also wir als Ausdauerläufer oder ich vorher als Orientierungsläufer waren ja eher die Exoten. Wir haben unseren Sport ja weitestgehend alleine gemacht. Vom
Training angefangen bis zum Wettkampf hat jeder vor sich hingerannt. Aber Spielsportarten zum Beispiel Volleyball und Basketball gab es damals noch nicht so, wo viele Leute zusammen sind, die waren damals viel präsenter.
Also zu sagen, in der Gemeinschaft Sport zu treiben, spielt eine viel größere Rolle. Dazu kamen in diesen Arbeitskollektiven, da wurde eigentlich regelmäßig, mindestens zweimal im Jahr, irgendwie ein Sportfest gemacht, dann wurde gewonnen, dann gab es einen Kegelabend.
Das gehörte mit zu den Ritualen. Natürlich wurde das auch gefördert durch besondere Freistellungen oder besondere finanzielle Zuschüsse, die man dafür gekriegt hat.
Und jetzt ist der Sport sozusagen in der jungen Generation Fan-Sport. Was ist gerade in? Was muss man mal mitgemacht haben, ob man’s kann oder nicht.
Der zweite Teil ist Modesport. Das heißt, der wurde eigentlich von der Industrie erfunden.
Früher wäre niemand mit Stöcken durch die Gegend gerannt. Heute heißt es Nordic Walking und alle machen es. Was auch ganz gut ist.
Aber das wurde von der Industrie erfunden, weil die Stockproduzenten in Finnland im Sommer ihre Dinger nicht losgeworden sind. Da haben die gesagt, müssen wir doch überlegen, dass die Leute im Sommer auch die Stöcke kaufen.
Und so gibt es ganz viele Sportarten. Alle halbe Jahre gibt es inzwischen Konzerne, die haben nur Leute, die nichts anderes machen, als Sportarten zu erfinden.
Die werden dann patentiert. Damit verdienen die ihr Geld, weil zu jeder Sportart gehört ein gewisses Gerät. Das muss dann jeder kaufen.
Und es gehörte, das ist eigentlich die größere Krux, es gehört sozusagen lizenzierte Diploma Übungsleiter oder was auch immer. Einfach, weil sie sagen, die haben dann alle noch so einen schönen Titel.
Und dafür bezahlen die auch ganz viel. Dass die ausgebildet werden und die Lizenz bekommen.
Und nach zwei Jahren ist der Sport eigentlich schon wieder weg. Und dann kommt die nächste.
Und das ist sozusagen heute der Trend, was die gesundheitlichen Werte angeht: Wenn es gut gemacht ist, ist jeder Sport erstmal gesund. Aber er muss richtig gemacht werden.
Ich verfolge das schon dadurch, dass die, meine Birgit noch in Gera wohnt und ich noch Kontakt zu meinen Lauffreunden habe,
also was hier landschaftlich passiert interessiert mich immer sehr, wie sich das ganze Bergbaugebiet verändert hat,
das war schon immer mein Interesse
und zum Teil auch was aus den Leuten geworden ist, sofern ich noch Kontakt habe. Also es gibt schon noch Interesse, aber mein Haupteinzugsgebiet liegt eher Richtung Thüringer Wald, da ich den Rennsteiglauf, bin ich da relativ stark engagiert.
Also ich bin noch selber sportlich aktiv. Ich bin in einer Walkinggruppe, das muss ich betonen, NICHT! Nordic Walking, die ohne Stöcke.
Bevor’s das Nordic Walking gab, gab’s Walking, und zwar wurde das in den USA entwickelt. Da muss man die Laufbewegung - ein bisschen Geschichte machen.
Die ist in den 1960er Jahren entstanden, im Westen als Jogging-Bewegung. Dann kam die DDR, die hat auch sowas gemacht als Meilenlaufbewegung, aber im Prinzip dasselbe.
Alle sind gerannt und dann kam die Marathon-Bewegung. Jeder wollte dann Marathon rennen, so bis in die 1990er-Jahre. Aber
die Amerikaner haben ja das Problem, noch mehr als hier, dass das Körpergewicht im Bevölkerungsdurchschnitt deutlich höher liegt, als bei uns,
ich sag das mal vorsichtig. Und da ist es natürlich aus medizinischer Sicht absolut doof, Marathon zu rennen, ja, also wenn ich 120 Kilo bewege und bei jedem Schritt draufknalle, halten sie das nicht so lange aus.
Und da haben dann kluge Leute, Sportwissenschaftler, gesagt, naja, Sport ist ja gut, aber Marathon nicht. Lass die Leute gehen.
Und damit die gehen, das klang nicht so gut, haben die gesagt, wir “walken”. Und das war auf einmal in.
Und dann hat einer das mit nach Deutschland gebracht, der Hartwig Gerber, wird nicht mehr bekannt sein, der war Olympiasieger im 50km-Gehen, also sportliches Gehen. Ging dann mal durch die Presse, weil der so ein Kunstherz hatte.
Und dann hat er noch 20 Jahre mit dem neuen Herz gelebt. Und das war ein Freund von mir uns da haben wie so eine Walking-Gruppe ohne Stöcke gegründet.
Und drei Jahre später kam dann die Erfindung mit den Stöcken, aber haben wie nicht gehabt. Wir nicht.
Ja, dann bin ich noch in einer Fitnessgruppe
und hab noch einen Wanderverein gegründet und bin noch beim Rennsteiglauf. Also ich bin noch ein bisschen tätig.
Nee, eher nicht. Also das Gebiet um Ronneburg ist für Wanderer oder Läufer weniger interessant, weil es zu wenig Wald gibt.
Ist zu kahl, also nicht so interessant.
Ich war dort mal eingebunden,
bevor die BuGa angefangen hat, gab es ja mehrere Projekte, diese Halden, die noch standen,
umzuwandeln in Skihänge und
bis hin zu einer Skihalle, die dann im Westen irgendwo gebaut wurde. Das wurde alles hier geplant und da sind eben die Akteure bei mir aufgeschlagen, weil ich da in dem Bereich einen Namen habe, als Fachmann.
Ich habe schon als Oberschüler angefangen mich mit Geschichte und mit Kunstgeschichte zu beschäftigen und mache das auch jetzt noch.Also alles was Wismut-Bauten angeht, selbst bei Schachtbauten, aber das ist nicht so meins Interessengebiet. Viele soziale Bauten die müsste man schon erhalten.
Für die Wismut ist es ja insofern schweirigweil es sozusagen zwei Äste gibt es. Einer ist der bauliche Ast, der gegenständliche und der ist ja relativ schnell aus verständlichen Gründen zum Teil verschwunden und heute nicht mehr rekonstruierbar.
Also die ganzen Schachtanlagen da, die dort verschwunden sind, die kann man nicht nach Oder könnte man schon, aber es ist sicherlich zu aufwändig, die wieder aufzubauen. Wer mal im Ruhrgebiet in solchen alten Hüttengeländen war, weiß, die haben das alles, oder nicht alles, aber vieles erhalten.
Und haben das umgenutzt und haben da tolle Kultureinrichtungen draus gemacht. Oder wer in Ferropolis mal war, in dieser Eisenstadt, sich die angeguckt hat und so.
Also man muss auch solche Kulturdenkmäler eigentlich erhalten. Das war aber damals, weil die Wismut halt als verstrahlt galt und gilt und zum Teil auch war, war die von Anfang an verschrien und es wurde einfach liquidiert.
Und alle waren froh, dass da genug Geld da war, damit das liquidiert werden konnte. Und das zweite ist, was die Wismut an kulturellen, baulichen Hinterlassenschaften hat in der normalen Stadtkultur.
Also das fängt an bei irgendwelchen Denkmälern, da kenne ich aber nicht mehr viel, aber auch Gebäude. Also diese Kulturhäuser hatte ich schon mal erwähnt, die flächendeckend in der ganzen DDR existierten, wo Wismut war.
Ferienheime, die sind aber zum Teil alle privatisiert. Und die riesige Kultursammlung.
Also die Wismut hat ja eine der größten Sammlungen, soweit ich das überhaupt weiß, von Betrieben, die auch noch existiert, fast komplett zusammengahlten wurde, die sollte stärker in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Gerade um die Besonderheiten, die sowas hervorgebracht hat, die in so großem Betrieb sichtbar werden.
Und dort sind wirklich hervorragende Werke. Ich habe selber zwei Gemälde vermittelt, für Künstler, an diese Sammlung.
Ich durfte die zum Teil sehen, die sind ja zu DDR-Zeiten nicht angezeigt worden. Da sind wirklich gute Sachen dabei.
Keine passenden Transkriptstellen gefunden.