Dr. Lothar Hofmann

Lebenslauf
Lothar Hoffmann möchte schon als Kind Arzt werden. Seine Chirurgiepraxis im Studium absolviert er im Geraer Bergarbeiterkrankenhaus der Wismut. 1986 kehrt er als Chefarzt nach Gera zurück und bemerkt die erstaunlichen Qualitäten der Klinik. Kulturell aktiv beobachtet er auch die Veränderungen in Gera seit den 1990er-Jahren und den Wandel der Lebenswelten.
Gesamtinterview
Also ich bin am 12. September 1943 in Merseburg geboren und bin dort auch aufgewachsen, zur Schule gegangen, dort auch mein Abitur gemacht und hatte mich dann an der Universität in Jena um ein Medizinstudium beworben, da wurde ich auch angenommen und zur damaligen Zeit war es noch so, dass man als junger Mann von der Armee erstmal von der vom Wehrdienst freigestellt wurde.
Wir mussten aber zuvor ein Pflegepraktisches Jahr machen.
Wir waren also vorimmatrikuliert für das Studium. Ich war dann von 1962 bis 1963 an der Universitätsnervenklinik als Hilfspfleger tätig und habe dann 1963 mein Medizinstudium in Jena aufgenommen. und das dann 1969 mit Examen abgeschlossen.
In das Bergarbeiterkrankenhaus, also in das Gesundheitswesen Wismut, hier in Gera, bin ich eigentlich per Zufall geraten. Eigentlich wollte ich Pathologe werden. Das war mein spezieller Wunsch schon während des Studiums,
das hängt immer von Lehrern auch ab. Es gab da einen Hochschullehrer in Jena, der war brillant und der hatte mich für das Fach begeistert.
Ja, das klappte dann aber nicht. Weil man, ich war zu dieser Zeit damals schon verheiratet, man in Jena zehn Jahre auf eine Wohnung hätte warten müssen.
Zehn Jahre, bis man eine Wohnung bekam. Während des sechsten Studienjahres hatten wir dann die vier großen medizinischen, klinischen Fächer.
Das war Innere Medizin, Chirurgie, Frauenheilkunde, Geburtsmedizin und die Pädiatrie, also Kinderheilkunde. Das haben wir dann schon in der Praxis gemacht, in Krankenhäusern.
Die Chirurgie habe ich dann im Bergarbeiterkrankenhaus gemacht, noch als Student. Und wir wurden dann von der Chirurgie aus mal 14 Tage in die Urologie reingesteckt, damit wir da mal reinschnuppern können.
Und da hat mich der damalige Chef, das wurde dann später mein erster Chef, gefragt, was ich denn mal machen wollte. Und da ich die Pathologie schon beiseite gelegt hatte, habe ich gesagt, naja, am liebsten wäre mir ein Fach, wo man operativ und konservativ arbeiten kann.
Und das war die Frauenheilkunde, für mich vordergründig erstmal Geburtsmedizin, das war ja dann auch noch was Schönes eigentlich. Und da sagte er zu mir, da hättest du doch - der duzte immer gleich alle - auch Urologie machen können.
Da hatte er natürlich recht, Urologie ist ein Fach, wo man operativ und konservativ arbeitet. Und es gingen dann vier Wochen und dann hat ja mal meine Frau angerufen, die war damals schon medizinische technische Assistentin im Krankenhaus. und hat die zu sich beurteilt.
Sie dachte erst, sie kriegt eine verbraten, weil sie Nachtdienst hatte, dass sie da irgendwas falsch gemacht hatte. Und da hat er ihr gesagt, er hätte eine Stelle. Ob ich denn nicht
Und so bin ich in das Bergarbeiterkrankenhaus gegangen. Reiner Zufall.
Und so bin ich auch in die Urologie reingekommen. Wobei mir das die 14 Tage eigentlich schon einen Einblick gegeben hat, dass das ein ganz interessantes Fach ist. Das
ist zu meinem Werdegang jetzt. Erstmal, wie ich zur Wismut gekommen bin, ging ja dann noch weiter.
Also ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater war in den chemischen Werken Leuna tätig. Leuna hatte ja damals 30.000 Arbeiter.
Sie kennen ja das sicher
auch heute noch. Das ist ein Chemie
Schwerpunkt. Buna - 20.000 Arbeiter. Buna-Schkopau damals.
Im Übrigen habe ich dort den 17. Juni als Zehnjähriger erlebt, wo die russischen Panzer dann noch kamen.
Da waren in Merseburg 100.000 Arbeiter. Die sind nämlich alle von den Werken nach Merseburg zur Großdemonstration gelaufen.
Also das hat mich so geprägt, das vergesse ich nie wieder. Ja, und das war dann der übliche Werdegang.
Acht Jahre Schule, Grundschule. Und meine Eltern wussten damals, waren sich sehr unsicher, was ich... Ich hatte einen Zwillingsbruder, muss ich dazu sagen.
Ich bin also mit einem Zwillingsbruder aufgewachsen. Ja, da ging es darum, der normale Werdegang in einer Arbeiterfamilie ist, dass man einen Beruf erlernt.
Und dann sind aber sowohl die Klassenlehrerinnen gekommen, als auch ein Schulrat damals, der meine Eltern so bearbeitet hat, dass sie uns zur Oberschule schicken. Und so bin ich überhaupt auf die Oberschule gekommen.
Das war dann auch um Abitur zu machen. Und wie gesagt, von der Oberschule dann an die Universität.
Der Wunsch war schon sehr zeitig bei mir da,
ich glaube so mit 14, 15 Jahren.
Was man so als junger Mensch hat,
ich will es jetzt mal so,
das ist nicht abwertend, aber mal so umschreiben,
dieses Helfer-Syndrom, Menschen, anderen Menschen zu helfen, für andere Menschen da zu sein und sich einzusetzen und da ist natürlich der Arztberuf ein ganz besonderer. Mir war damals schon klar, als ganz junger Mensch, dass das in dem Sinne eigentlich gar kein Beruf ist.
Das ist eine Berufung. Und so habe ich es auch mein Leben lang gehandhabt.
Ja, natürlich, ich sagte ja schon, ich war verheiratet.
Meine Frau stammt aus Gera. Und ich wohnte dann ja, wir wohnten zuerst noch bei den Schwiegereltern. hier in Gera und da war die Wismut natürlich ein Begriff.
Gera war ja mit dem Bergbaugebiet hier um Ronneburg eines der Zentren des Uranerzbergbaus, werden Sie ja nun kennengelernt haben in Ihren Recherchen. Und hat die Region ja nicht nur landschaftlich, sondern eben auch sozial und in vieler, vieler Weise geprägt.
Eben unter anderem dann auch mit dem Bau des Bergarbeiter-Krankenhauses hier in Gera, was ja 1962 erbaut worden ist. Das werden Sie sicher wissen. Ich weiß es nicht.
Da wusste ich schon,
dass das eben ein besonderes Gesundheitswesen ist. Was mir damals nicht so bewusst war, ist, dass das eigentlich auch für Bergleute was Normales war, denn seit dem Mittelalter sind Bergleute, zumindest bei uns, immer privilegiert gewesen.
Zum Beispiel die Versicherung, die Knappschaft, ist die einzige Versicherung, die hat sich schon im Mittelalter gegründet, im Mittelalter gegründet für Bergleute, die sowohl die Krankenversicherung als auch die Rentenversicherung unter einem Dach hat. Es gibt keine andere Versicherung, die sowas hatte.
Und hier ein spezielles Gesundheitswesen für die Bergleute aufzubauen, das war aus medizinischer Sicht auch absolut notwendig, das verdienten diese Leute auch. Wir haben ja auch kennengelernt, wie die unter Tage arbeiten mussten und so weiter.
Und das war auf der einen Seite zwar ein Privileg, was von vielen, vielen hier, das haben wir oft erfahren müssen, beneidet wurde und teilweise auch abwertend bewertet wurde.
Es gibt ja dann auch immer Neider,
aber dass das im Grunde genommen was völlig Normales war, ist mir dann auch später erst klar geworden, nach der Wende eigentlich, als ich mitbekam, dass es drüben ein Knappschaftssystem gab und immer noch gibt. Also zu dieser Zeit nicht mehr. Das muss ich mal klar sagen.
Ich sage nur mal ein Beispiel. Natürlich haben die Bergleute, die bei der Wismut beschäftigt waren, mehr Geld verdient.
Bei den Bergleuten gab es überhaupt keine Frage. Wenn sie einmal gesehen haben, wie die unter Tag gearbeitet haben, dann war das, ja, hätten die noch mehr bekommen können, würde ich mal nur so sagen.
Es gab in der DDR dann ja auch immer Phasen, wo es Lohnerhöhungen gab. Generell für die gesamte Wirtschaft.
Und da gab es immer dann bestimmte Gehaltsgruppen von Von-Bis-Spannen der Erhöhung. Eine Minimalerhöhung oder die konnte auch höher sein.
Das war vorgegeben, staatlich alles. Ministerratsbeschluss, wir machen das so und so und das wurde dann so durchgeführt.
Bei der Wismut hat man dann Folgendes gemacht: Man hat die Lohnerhöhung, die musste man auch machen, man hat aber immer nur die Mindesterhöhung gewährt und nicht die Spanne ausgeschöpft, die hätte höher sein können. Und da hatte sich das schon nach langer Zeit weitgehend angeglichen.
Ich habe das verfolgt. Das Vorurteil aber, das hat sich gehalten, dass die alle immer mehr verdienen.
Das war so. Das weiß ich. Und ich
weiß nicht, als ich anfing, gab es auch schon diese Privilegien über den Wismuthandel nicht mehr und so weiter. Das hat sich alles schon nivelliert.
Wüsste ich nicht, dass ich das auch jemals... Ich kann mich nicht erinnern, dass ich da mal was in Anspruch genommen hätte.
Was natürlich, gut, vielleicht sicher besser war, ich kann das nicht beurteilen, aber sicher, das System der Sanatorien und so weiter, das war aber eben auch Bestandteil des Gesundheitswesens, dass die Bergleute eben auch Anspruch auf Rehabilitation haben und so weiter. Und sicher auch das Ferienwesen, aber das kann ich dann nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie das in anderen Großbetrieben so gelaufen ist.
Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass viele Kombinate ganz hervorragende Ferienangebote für ihre Mitarbeiter hatten. Nein, eigentlich nicht.
Das Vordergründige war dann quasi eine Ausbildungsstelle zu bekommen in einem Fachgebiet, wo man sich, ich sage es ja schon, konservativ-operativ, das war ja meine Priorität, arbeiten konnte. Und ich hatte dann natürlich auch in der Zeit, wo ich als Student noch in der Klinik war, mitbekommen, welche Arbeitsatmosphäre in der Klinik existiert.
Das spielt alles eine Rolle. Bei vielen jungen Leuten, ich habe das auch an meinen eigenen Söhnen dann erlebt, dass die sich dann Arbeitsstellen ausgesucht haben, wo das Arbeitsklima stimmt und so weiter. Und dann muss ich dazu sagen,
dass das Krankenhaus hier in Gera, das war ja wie gesagt 1962 ein Neubau und das war sicher damals eines der modernsten Krankenhäuser in der DDR. Ganz hervorragend konzipiert und gebaut.
Ich vermute, weil ich dann später nach der Wende bei einem, bei einer Tagung, ich kann jetzt gar nicht mehr den Ort sagen, hier aber ein Krankenhaus gesehen habe,
welches den gleichen Grundriss hatte, also in den Altbundesländern. Ich kann Ihnen jetzt tatsächlich nicht mehr sagen, was das war.
Und da ist mir aufgefallen, dass das wahrscheinlich, dass die Architekten damals hier in der DDR, die das Ding geplant und gebaut haben, sich umgetan haben und da ein bisschen abgekupfert haben. Das war so, auch von der inneren Strukturierung des Baus her, so ähnlich, konnte ich mir nichts anderes vorstellen, als diesen Bau, dass der jetzt nachgebaut worden ist.
War für damalige Verhältnisse ganz, ganz modern. Es war dann auch ein Haus, ich habe das ja dann später nochmal erleben müssen, was außerordentlich gut durchorganisiert war.
Ein Krankenhaus muss funktionieren, auch im organisatorischen Ablauf. Da gibt es solche und solche Krankenhäuser und das war fast perfekt dort.
Auf jeden Fall, aber ich denke mal, dass das in den anderen Krankenhäusern in ähnlicher Weise war. Das Krankenhaus hier in Gera hat sich insbesondere dadurch ausgezeichnet, dass es eine ungeheure Personalstabilität gezeigt hat.
Nur Beispiel, ich bin ja dann
1976 an die Universität nach Rostock gewechselt und wurde zehn Jahre später als Chefarzt zurückgeholt.
Und ich war perplex. Ich habe nach zehn Jahren das gleiche Personal angetroffen. Natürlich zehn Jahre älter.
Da sind natürlich junge Schwestern und so weiter dazugekommen, aber ansonsten war das nicht nur in der Urologie, sondern auch in anderen Bereichen, eine ganz enorme Personalstabilität. Das spricht dadurch eben auch für das Haus oder sprach für das Haus hinsichtlich des Arbeitsklimas und so weiter.
Denn wenn es einem auf der Arbeit über Jahre nicht gefällt, dann verschwindet man meistens nicht und sucht sich was anderes. Ja, das hatte viele Gründe.
Der Hauptgrund war die Stasi, eigentlich. Ich war dann Oberarzt in Rostock an der urologischen Universitätsklinik und diese Universitätsklinik war zugleich eines der Nierentransplantationszentren der DDR.
Es gab ja nur drei oder vier Transplantationszentren in der DDR. Wenn man an der Universität arbeitet, muss man forschen.
Neben der Transplantationsforschung war ich noch auf den Fachgebieten Prostatakarzinom, also Vorsteherdrüsenkrebs, Harnsteinleiden. Das waren so die Schwerpunkte, die ich dort beackert habe. Echt tolle und hochinteressante Untersuchungen gemacht, insbesondere auch zum Harnsteinleiden.
Ich will es kurz machen. Die Staatssicherheit wollte mich in Rostock anwerben, nicht als IM, sondern ich sollte, werden Sie vielleicht nicht mehr kennen, sogenannter Reisekader werden für Wissenschaftler, die dann zu jedem Kongress im westlichen Ausland fahren.
Sonst konnte man ja nicht, wenn man zu einem Kongress nach Paris fahren wollte, das war unmöglich. Oder nach Hamburg, das war unmöglich.
Aber wenn man Reisekader war, dann konnte man fahren. Also begrenzt.
Wenn man Reisekader der Staatssicherheit war, hätte man überall hinfahren können. Und da ist mir erstmal bewusst geworden, was für tolle Untersuchungen wir machen, denn sonst schicken die keinen los, wenn jemand im westlichen Ausland überhaupt international wissenschaftlich keine Chance gehabt hätte, da aufzutreten.
Also die hatten mich gefragt, ob ich unter diesen Bedingungen Reisekader werden will und da habe ich gesagt, nein, ich möchte Reisekader Mecklenburg bleiben. Reisekader Mecklenburg.
Da war für mich natürlich dort eine Hochschullaufbahn, quasi. Ich konnte mich noch habilitieren und… Ich wäre nie Dozent geworden zu DDR-Zeiten oder sowas.
Das war erledigt. Und das war der eine Grund. Der andere Grund war,
dass mich der Gebietsarzt, Gebietsarzt war der Bezirksarzt und es gab es ja in der DDR, die Bezirksärzte. Und bei der Wismut nannte der sich aber Gebietsarzt, war aber quasi in der Stellung eines Bezirksarztes.
Das muss ich noch dazu sagen, das Gesundheitswesen Wismut unterstand immer dem Gesundheitsminister. Das war also ein eigenes Gesundheitswesen, aber es unterstand dem Gesundheitsministerium der DDR.
Der hatte also Weisungsbefugnis auch da rein. Nur um das mal klarzustellen, der Gesundheitsminister.
Und ja, Der Gebietsarzt bekam dann mal, vielleicht drei, vier Jahre, bevor ich hier die Stelle eingetreten hatte, einen Anruf, ob ich denn Interesse hätte. Der hatte sich dann schon rechtzeitig umgetan und wusste, dass die Urologie ein paar Jahre neu besetzt werden muss, weil der alte Chef in Rente geht. Und da haben sie sich wahrscheinlich an mich erinnert, dass da einer mal an die Uni gegangen ist oder was.
Jedenfalls hatte sich das und so kam das und es spielten dann noch familiäre Gründe eine Rolle. Die Eltern meiner Frau waren ja hier in Gera zurückgeblieben, wurden immer älter und so weiter.
Ja, das war das. Der Komplex, der dann dazu geführt hat, dass ich hier nach Gera zurückkehrte.
Auch die Ärzte, die im Krankenhaus gearbeitet haben, die waren verpflichtet, ein- bis zweimal pro Jahr einzufahren, unter Tage und wir wurden dann von Steiger, Obersteiger dann durch die ganzen Schächte geführt und uns wurde dann eben gezeigt, bei laufendem Betrieb, wurde gezeigt, wie die Leute arbeiten, das war auch absolut notwendig, insbesondere für fragende Begutachtung. Wir mussten ja Bergleute begutachten und die schlimmsten Begutachtungen waren immer die, wenn man begutachten musste, sind die noch unter Tage, arbeitsfähig oder dürfen die noch unter Tage einfahren oder nicht? Und
das war immer ganz, weil die Bergleute, das werden sie sicher auch wissen, die haben ja vieles kaschiert, Arbeitsunfälle kaschiert und so weiter. Damit sie ihre Prämien nicht verlieren, damit sie Ja, auch versicherungsmäßig, und vor allem, dass sie nie Gefahr laufen, von Untertage rauszukommen, weil es natürlich ein Verlust an monatlichem Einkommen war. Aber noch viel schlimmer war, dass man die Bergmannsrente verlieren konnte.
Die mussten ja 15 Jahre unter Tage sein. um die Berechtigung zur Bergmannsrente, das waren die Beitragszahljahre, die sie haben mussten. Und
wenn einer dann 14 Jahre unter Tage war und plötzlich kam ein Gutachten, der ist nicht mehr unter Tage, dann können Sie sich vorstellen, was für eine Welt für den zusammenbrach, vor allem finanziell. Ich sage Ihnen jetzt nur mal ein Beispiel aus der Urologie. Das ist ganz kurios, aber das war immer ganz schwierig.
Es gibt die angeborene Einnierigkeit. Sie kommen mit einer Niere auf die Welt. Nicht mit zwei. Das wissen die meisten erstmal gar nicht.
Die Niere, die da vorhanden ist, die ist genauso leistungsfähig wie zwei Nieren. Aber man hat eben nur eine.
Und das konnten völlig gesunde Leute sein. Aber wenn per Zufall festgestellt wurde, der hat nur eine Niere, dann war der nicht mehr unter-Tage-tauglich, wegen der Unfallgefahr.
Und die Unfälle unter Tage, die waren ja ganz schlimm. Auch urologisch, was wir da zu sehen bekommen haben, das war schon ganz ordentlich.
Und auch noch zu der Zeit. Die schlimmste Zeit war ja, das werden Sie ja wissen, mit Beginn 1946, das sind ja wohl über 7000 Todesfälle, Arbeitsunfälle, die bei der Wismut passiert sind.
Und nun erklären sie mal so, Bergmann, du bist nicht mehr unter-Tage-tauglich, weil du nur noch eine Niere hast. Und andere Dinge eben auch, hinsichtlich der Belastung und so. Es konnte kein Arzt in der Klinik ein Gutachten schreiben, wenn der nicht wusste, wie der vor Ort arbeitet oder arbeiten muss und welchen Belastungen der ausgesetzt ist.
Ja, das tollste Erlebnis war natürlich für mich, wir sind mal in Aue eingefahren in den tiefsten Schacht, 1600 Meter. Ich weiß nicht, kennen Sie das? Naja, das war natürlich für mich jedenfalls hochinteressant, erst mal.
Und ich hatte keinerlei Ängste, da nach unten reinzufahren. Ich litt nicht unter Klaustrophobie oder sowas.
Und vordergründig war eben für mich die Neugierde, mal das alles kennenzulernen. Und das war
hochinteressant. Und... Ja... auch solche Dinge wie, wir laufen da unten durch und die Arztgruppe steht um den Steiger rum, der erklärt was und auf einmal rumpst es wahnsinnig und es bröckelt Stein darunter und so weiter und alle sind erschrocken, zucken zusammen. Und der Steiger, in aller Ruhe, sagt dann, keine Angst, da ist irgendwo geschossen worden. Das hieß ja schießen. Das war also für den was völlig Normales.
Und sowas musste man eben auch kennenlernen. Aber Aue, da habe ich eben dann gesehen, wie wahnsinnig kostenaufwendig die ganze Geschichte auch war.
Die Gesteinstemperatur dort in 1600 Meter Tiefe betrug 64 Grad. 64 Grad.
Und wenn man dort unten rumlief, musste man aufpassen, dass man keinen Wassertropfen abbekam, weil der eben diese Temperatur hatte. Und damit dort unten überhaupt gearbeitet werden konnte, hatten die in die Schächte mit den Frischwettern eine Zwischenkühlung eingebaut.
Die Frischwetter wurden also zwischengekühlt, damit der Hauer vor Ort 25 Grad hatte. Ich muss Ihnen nicht erklären, was das gekostet hat.
Ja, das war schon interessant. 1.
600 Meter unter der Erde zu sein, das ist ein Erlebnis.
Die Bergleute waren ja einem ganz strengen Gesundheitsüberwachungsregime unterworfen
und das war auch notwendig und das wird anderswo auch so gewesen sein. Gerade die unter Tage Arbeitenden wurden ja halbjährlich, meines Wissens, abgecheckt, durchgecheckt.
Und wenn da der geringste Befund da war, wurden die oft sofort eingewiesen mitunter eben zur Abklärung. Ich will nur ein Beispiel sagen. Wenn
bei einer Urinuntersuchung festgestellt wurde, dass da zu viele rote Blutkörperchen im Urin waren. Es gibt die sogenannte Mikrohämaturie. Das sieht man nicht.
Eine Makrohämaturie, da ist der Urin richtig blutig. Aber wenn das eben nur eine geringe Menge an Erythrozyten ist, dann sieht man das augenscheinlich nicht, aber man stellt es eben unter dem Mikroskop fest, wird ausgezählt und so weiter.
Oder zu viel Eiweiß im Urin, dann landeten die meisten bei uns in der Urologie, weil das Haus hatte keine Nephrologie. Die Nephrologie gehört zur Inneren, als Fachgebiet, nephrologisch auch weiterbilden und entwickeln, bis hin zur Nierenbiopsie.
Wir haben dann auch die Nierenbiopsien durchgeführt, was sonst anderswo Internisten gemacht haben. Das musste abgeklärt werden. Da war man sehr streng.
Im Grunde genommen war es so, dass wenn man Bergmann war, keine bessere medizinische Überwachung und Betreuung haben konnte, muss ich so sagen. Den psychologischen Aspekt, das wussten wir schon, was da dran hängt.
Das war klar. Das haben uns die Leute ja selber erzählt. Und gesagt, Doktor, die haben ja dann selber versucht, mal Einfluss zu nehmen oder so.
Das war schon klar, aber letztendlich als Gutachter musste man objektiv sein. Da durfte man ja überhaupt keine subjektiven Dinge einfließen lassen.
Das sagt man als Gutachter nicht, sonst geht man sofort baden, als Gutachter. Und das war schon schwierig, das muss ich sagen.
Im Übrigen ist die Urologie kein Fachgebiet für Männer. Die Urologie ist, das machen sich die wenigsten klar, ein onkologisch sehr kopflastiges Gebiet.
Ich lasse jetzt mal den Vorsteherdrüsenkrebs raus, das häufigste Krebs des Mannes, aber dann kommt der Blasenkrebs. Da sind die Frauen genau so befallen, nicht?
Dann kommt der Nierenkrebs, gut, Hodenkrebs, das ist noch, ja, aber ansonsten. Bezüglich der Krebserkrankung in Verbindung mit Wismut, da kann ich Ihnen leider rein statistisch überhaupt nichts sagen.
Ich sage nur ein Beispiel, das weiß ich noch von damals her. Gleich als ich anfing, 1969, hörte ich, da war das schon gelaufen und abgeblockt worden, dass unsere Gynäkologen und Geburtshelfer draußen im Bergarbeiter-Krankenhaus mal Untersuchungen machen wollten über die Fehbildungsrate bei Neugeborenen.
Das war ja enorm wichtig, das zu wissen. Hat die Strahlung unter Tage eine Auswirkung auf den Nachwuchs?
Es wurde sofort verboten. Abgeblockt.
Inwieweit es Untersuchungen gab, die dann unter dem Siegel der Verschwiegenheit irgendwo verschwunden sind, das weiß ich nicht. Aber solche Dinge wurden gar nicht erlaubt.
Nun kann ich aus persönlichen Erlebnissen folgendes sagen. Die Urologie war die zentrale Klinik für das gesamte Gesundheitswesen Wismut.
Das war also eine zentrale Klinik. Wir hatten also einen Einzugsbereich, der ging bis Dresden.
Von Gera aus, da kamen Patienten, in Leupoldishain oder irgendwo arbeiteten die, die kamen dann, wenn es notwendig war, in die Urologie nach Gera. Und so hatte die Klinik natürlich auch Patienten aus den oberen Etagen der Verwaltung der Wismut, weil es nur die einzige war.
Ich kann mich noch ... Sepp Wenig ist ja bekannt, ne? Sepp Wenig ist ein Begriff? Der war dort Patient, bei uns.
Und dann hatten wir mal den Archivar der Wismut. Damaligen Archivar.
Ich kann mich an Namen nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, was er uns erzählt hat. Über die ersten Jahre der Wismut.
Das kann man sich gar nicht vorstellen. Das war wirklich Wild West. Der wilde Westen.
Erstens mal von der Zusammenwürfelung der Leute, die sie für den Bergbau rekrutiert hatten. Da waren ja eben auch Kriminelle dabei, das muss man sagen, die straffällig geworden sind, aber für den Bergbau waren sie gut.
Die meisten in dieser Zeit, 1946, 1947, sind zur Wismut gegangen, weil es da was zu essen gab. Das war der Grund. Weil es da etwas zu essen gab.
Die wurden nämlich gut verpflegt. Und Geld spielte damals, sie haben wahnsinnig viel Geld verdient in der ersten Zeit auch.
Überhaupt keine Rolle. Der Archivar hat uns erzählt, dass es Bergleute gab, die dann, wenn sie ihr Geld am Monatsende ausgezahlt bekommen haben, sind die in die Kneipe gegangen haben, sich mit einem 100-Mark-Schein die Zigaretten angezündet, weil das Geld wertlos war.
Sie konnten sich für das Geld mit so 1946, 1947, was wollten sie sich kaufen? Nichts, gab nichts. Die Schlaueren unter denen, die haben das natürlich beiseite gelegt und haben sich später ein Häuschen gebaut, muss man
ja dazu zu sagen. Aber so war das damals.
Das gesamte Transportwesen, wie die transportiert wurden mit den Zügen, das können sie sich nicht mehr vorstellen.
Die haben auf dem Dach der Waggons gesessen
und wenn da jemand kam und die reglementieren wollte, die sind ja noch mit ihrem Pickel nach Hause gefahren, den sie hatten,
haben die die Leute bedroht, waren
Bergleute. Also das war eine Zeit,
darüber wird ja natürlich nicht so, aber das hat er uns,
und das ist alles, meines Wissens ist das dann, da der das uns erzählt hat, müsste das eben auch archiviert sein. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.
Die ersten Jahre kann man wirklich mit Wild-West umschreiben, Wild-West. Später dann natürlich war das alles perfekt durchorganisiert, reglementiert und so weiter.
Und wir, wenn da was daneben ging. Bis auf Arbeitsunfälle, das muss ich dazu sagen.
Da mussten wir höllisch aufpassen. Es kamen manchmal Bergleute und deklarierten so etwas als zivilen Unfall.
Eine Verletzung oder sowas. Dabei ist das unter Tage passiert.
Um das nicht als Arbeitsunfall anzuzeigen, das wäre dann auf die Brigade zurückgefallen, dass
sie solche Dinge, Rahmenbedingungen, die solches Verhalten dann implementieren. Nicht wissend, dass das natürlich für ihn ganz nachteilige Folgen haben könnte, dass wir den immer klar machen müssen.
Wenn nämlich nach so einem Unfall Spätfolgen auftreten, später, nach fünf Jahren oder zehn Jahren, kann der den Anspruch nie geltend machen, wenn es ein privater Unfall war. Aber wenn es ein Arbeitsunfall war, hatte er das Anrecht, dann war das ein Folgeschaden.
Das haben die sich nicht klar gemacht.
Bei uns landeten ja natürlich die Unfälle, die urologische Auswirkungen hatten
und ein ganz typischer, nicht nur hier in der Region, sondern generell ein ganz klassischer, unter Tage, Bergmannsunfall ist der, dass wenn
ein Bergmann, die haben ja unten ihr Transportsystem, die sogenannten Hunte, und die dann zusammengeschoben werden
und wenn dann mal ein Bergmann unbedacht zwischen den Hunten stand und die Dinger wurden zusammengeschoben, dann kam der mit einer multiplen Beckenfraktur und
das hatte immer zur Folge, bei diesem massiven Druck kam es sofort zu Beckenfrakturen und da oft zu Harnröhrenabrissen, zu Blasenverletzungen und so weiter und das mussten wir dann wieder in die Reihe kriegen. Zur damaligen Zeit, die besten Harnröhrenchirurgen waren die Urologen, die in Bergbauregionen gearbeitet haben.
Auch in Polen, Katowice zum Beispiel, gab es zwei Urologen, das waren Spitzenleute auf dem Gebiet der Harnröhrenchirurgie. Solche Zusammenhänge gibt es auch.
Das passierte nicht häufig, aber wenn, dann war es schon heftig. Nein, nein. Also aus meinem Familienbereich jetzt nicht, natürlich im Freundesbereich schon, ja.
Da muss ich jetzt dazu sagen, entferntere Verwandtschaft zum Beispiel. Der Ehemann einer Cousine meiner Frau, der war auch unter Tage und so, also sowas, klar, in der Region. Nein, also für die Arbeitsunfälle, die ersten, die vor Ort waren, waren die Schachtärzte.
Es gab ja die Schachtambulatorien, die direkt vor Ort tätig waren. Das war auch notwendig, man konnte nicht plötzlich ein Team jetzt aus dem Klinikum, stelle ich mir vor, nachts ein Unfall unter Tage, da musste man ein System haben, wo man unmittelbar vor Ort gleich eingreifen konnte.
Und da sind die Ärzte dann natürlich gleich mit runter und eingefahren, wenn irgendwas war. Ja, die hatten natürlich als erstes verschiedene Aufgaben.
Einmal die ganz normale medizinische Betreuung. Wenn jemand, ich sage es ganz banal, einen Infekt hatte, Grippe oder sonst etwas, einmal das.
Dann hatten die,
und damit waren die auch permanent beschäftigt, die Reihenuntersuchung zu machen, die Bergleute zu untersuchen. Wenn Sie sich vorstellen, halbjährlich jemand unter Tage, und wenn Sie sich mal ausrechnen, wie viele unter Tage täglich waren, dann kamen die, fast täglich hatten die dann Bergleute, die dann zur Reihenuntersuchung auch da waren.
Und dann natürlich wurden die auch viel intensiver trainiert für die Rettung unter Tage. Die mussten also viel, viel häufiger einfahren und waren auch viel, viel häufiger unter Tage, die Schachtärzte.
Das war so im Wesentlichen das, was deren Aufgabe war.
Also im Grunde genommen Betriebsärzte, gibt es ja heute auch noch,
wie anderswo auch, aber mit der ganz speziellen und typischen Ausrichtung und einer besonderen Ausrichtung auf Bergbau, Untertagebergbau. Also genau kann ich Ihnen das jetzt nicht sagen.
Was regelmäßig natürlich kontrolliert wurde, waren natürlich die Blutwerte, die Laborchemie, Urinuntersuchungen, eine klinische Untersuchung natürlich. Wie oft die geröntgt wurden, das weiß ich jetzt nicht.
Röntgen ist ja auch eine Strahlenbelastung. Da konnte man auch nicht jedes halbe Jahr röntgen.
Das war auf keinen Fall möglich und sicher auch nicht notwendig. Und dazu muss man sagen, selbst wenn man zu der Zeit mit einer Röntgen-Lungenaufnahme einen Lungenkrebs entdeckt hätte, dann hatte der schon ein Stadium, das schon ziemlich weit fortgeschritten war, um überhaupt röntgenpflichtig zu werden.
Heute ist das ganz anders mit CT, MRT und so weiter. Da gehörte dann eben auch Herz-Kreislauf-Untersuchung und so weiter, das ist klar, Blutdruck und EKG. Ich
sage, also die Bergleute unter Tage wurden halbjährlich abgecheckt. Halbjährlich, alle sechs Monate. Das war Vorschrift.
Die, die über Tage arbeiteten, natürlich nicht. Da war vielleicht eine jährliche Untersuchung oder so.
Das ist klar. Oder wenn jemand in der HO-Wismut gearbeitet hat, eine Verkäuferin. Spielte dann keine Rolle, wie bei mir auch nicht, also im Krankenhaus.
Untersuchungen dazu kenne ich nicht, aber ich würde es auf jeden Fall mit Ja beantworten, weil, und das wissen wir auch, in den ersten Jahren zum Beispiel Und da, besonders aus den ersten Jahren der Wismut, wenn die Bergleute auf eine Uranpechblenden-Ader gestoßen sind, reine Uranpechblende unter Tage, dann wurde das ja schon unter Tage in Kisten verpackt, das Zeug. Das wurde gesondert abtransportiert, das lagerte aber auch erstmal unten. Und
die Bergleute haben sich auf die Kisten gesetzt und haben dort gefrühstückt, muss ich nichts weiter sagen. Das Zeug hat gestrahlt. Entweder wussten sie es nicht oder sie haben es nicht ernst genommen damals.
Das gab es natürlich dann später nicht mehr. Es wurden ganz regelmäßig Strahlenmessungen gemacht, deren Ergebnisse nie veröffentlicht wurden.
Wir haben nie eine Zahl bekommen. Aber wenn man weiß, was da unten abgebaut wird und welche Strahlung es aussendet und welche Wirkung es hat, dann würde ich dann schon sagen, ja, auf jeden Fall.
Na doch, wir wussten schon. Wir wussten nur nicht, ob es dazu Untersuchungen gab, die, wie ich sage, unter dem Siegel der Verschwiegenheit liefen.
Ich sagte ja schon, die Untersuchungen, die die auf Eigeninitiative, die Gynäkologen-Geburtshelferin Gera machen wollen, es wurde sofort verboten. Sicher kann man aus den ganzen Statistiken, Krankenstatistiken, kann man ja einiges rauslesen.
Das ist klar. Diese Häufung an Tumorerkrankungen und so weiter.
Das war aber nicht nur das größte Problem. Das allergrößte Problem in den ersten Jahren war die Silikose.
Das dürfte Ihnen bekannt sein, oder? Trockenbohren.
Im Erzgebirge, dieses Silikatsgestein, dieser Staub. Dieser feine Staub, wenn der inhaliert wird, führt zu Veränderungen der Lunge, die man als Silikose bezeichnet.
Das heißt also, die Lunge vernarbt, fibrosiert und führt zu ganz schweren Schäden an der Lunge. Und dann zu dieser Zeit gab es ja auch noch die Tuberkulose.
Wenn sich dann noch eine Tuberkulose, und die hat sich oft aufgepfropft. Silikose, Tuberkulose, Silikotuberkulose.
Die meisten Bergleute, die damals gestorben sind, sind an der Silikose gestorben. Und da reicht es mitunter aus, dass die ein Vierteljahr, nur ein Vierteljahr trocken gebohrt haben.
Ein Vierteljahr. Das wurde ja dann unterbunden, also man hat dann das Problem gesehen, hier in der Ronneburger Region war es so, dass dieses Problem vom Gestein her nicht so dramatisch, aber trotzdem vorhanden war.
Und dann wurde, ich glaube, ab 1948 wurde dann das Nassbohren eingeführt, dass dann nur noch nass gebohrt wurde und dass alles, was dort unten an Gestein anfiel, dass das dann auch berieselt wurde, dass kein Staub entstand und so. Wenn wir da unten rumliefen, Gummistiefel, klar, und dann war es da unten klatschnass unter Tage. Alles nass.
Wir hatten ja täglich, das ist der klassische klinische Ablauf in einer Klinik, alle Röntgenaufnahmen, später kam ja dann alles andere noch dazu, MRT, CT, die ganzen Aufnahmen, die an einem Tag in einer Klinik gemacht werden, die werden dann gemeinsam beurteilt. So war es zumindest bei uns, so kenne ich es auch von Rostock.
Wir sind dann an einer bestimmten Zeit am Tag, meistens war es dann Nachmittag, wurden die ganzen Aufnahmen, der Kliniker, der berichtete über den Patienten und der Radiologe erklärte den aktuellen Befund von diesem Tag. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass da immer noch 1969 Leute dabei waren, Lungenaufnahmen mit Silikose. Und so weiter. Und
die Röntgenärzte der Wismut, die waren ganz besonders ausgebildet auf dem Gebiet der Beurteilung von Silikose, Silikotuberkulose und so weiter. Also das ist mir sehr bewusst.
Und das reichte, wer einmal eine Silikose hatte, der bekam sie auch nicht nicht wieder los. Oftmals waren es eben dann auch bei Begutachtungen, viele waren ja dann schon invalidisiert wegen dieser Geschichte und mussten auch regelmäßig immer wieder nachbegutachtet werden. Wegen ihrer Ansprüche, die sie berechtigterweise dann auch hatten.
Ja, natürlich, ja. Schwierig zu sagen.
Ich meine, Hodenkrebs, die bei uns landeten, nun ist der Hodenkrebs ja ein Krebs des jungen Mannes. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen 20 und 30, höchstens 40 Jahren.
Da war es natürlich schwierig zu sagen, ja gut, der hat das jetzt wegen der Strahlung oder so bekommen. Das hätte man dann nachweisen müssen.
Aber sonst, ja, wir hatten natürlich auch viele Blasentumore, wobei es ist immer schwierig, wenn sie ein Patientenklientel haben, was eben überhaupt generell sehr häufig auftritt, da nur zu sagen, gut, das gehört in die auslösenden Ursachen, die man generell und allgemein hat, oder gibt es dafür ein bestimmtes Klientel jetzt berufserkrankungs-relevante andere Aspekte? Aber letztendlich, das war eben das, was mich auch dann ziemlich unangenehm, nicht unangenehm, empört hat eigentlich, dass man dazu keine Untersuchungen oder Recherchen anstellen konnte.
Das war so. Naja, ja klar.
Das Thema Strahlenbelastung war eigentlich immer Gegenstand von Diskussionen, dass wir nicht wussten, welchen Strahlenbelastungen sind die ausgesetzt. Gerade auch Radiologen oder Internisten, die betraf es ja noch viel heftiger als uns Urologen, das stieß natürlich auf Unverständnis. Wir lebten ja dann in einem System, was ohnehin repressiv war.
Wenn man nichts dagegen machen kann, dann resigniert man. Es waren ja alle in dem Gewerkschaftsbund organisiert und es wurde dann darüber vergeben.
Es gab dann ein bestimmtes Kontingent an Urlaubsplätzen und da konnte man sich bewerben, was natürlich sehr begehrt war. Hochburg war zum Beispiel an der Ostsee oben, Zinnowitz, dürfte Ihnen begriffen sein.
Und da war ich einmal. Und dann gab es natürlich noch die anderen Ferienorte.
Das lief eigentlich im Grunde genommen nicht anders als in anderen Bereichen auch.
Sicher gab es auch nicht ausreichend,
mich interessierte das dann persönlich nicht mehr so sehr, weil wir unseren Urlaub dann meistens privat organisiert haben. Da spielte, ich sage nur, das Wort Beziehung eine große Rolle.
Eine höhere Charge hatte natürlich bessere Beziehungen irgendwohin, um etwas zu bekommen, das ist völlig klar. Sicher gab es das, dass sich einige auf diesen Wege dann Urlaubsplätze organisiert haben, aber ansonsten verlief es in der Breite eigentlich so wie überall, würde ich sagen.
Das gibt es ja heute auch noch. Also, das muss ich jetzt differenzieren.
Als Ausbildungsassistent, die Arbeit begann früh auf der Station, früh um sieben.
Mit der Visite auf Station,
dann gab es die Besprechung beim Chef, wo der Kollege, der Nachtdienst hatte, erstmal vom Nachtdienst berichtete und dann wurde der Bericht von der Visite abgegeben. Da wurden natürlich dann keine, in der Kürze der Zeit, keine routinemäßigen Dinge besprochen, die sowieso laufen, sondern eben über Problempatienten und, und, und.
Und dann wurde über das anstehende OP-Programm gesprochen, was schon am Vortag stand. Als Ausbildungsassistent hatte man dann meistens mit den Aufnahmen zu tun. Erstmal, dass man die Patienten, die in die Klinik kamen, aufnimmt, untersucht und so weiter.
Es gab dann auch eine kurze Nachmittagsvisite, die man dann dem Chef vorstellt. Ansonsten war man auch im OP.
Und im Laufe der Zeit hat sich ja die Urologie zu einem Fachgebiet entwickelt,
wo eben auch riesige Operationen durchgeführt werden, die mit ausgedehnten Baucheingriffen verbunden sind. Ich sage jetzt nur mal ein Beispiel: Ein Blasenkarzinom, Blasenkrebs, in einem Stadium, wo man den Patienten nur retten kann, indem man die Blase radikal entfernt.
Blase radikal entfernt. Bei Mann beinhaltet das die Mitnahme der Vorsteherdrüse, bei der Frau Mitnahme des Uterus und so weiter.
Ende der 1980er Jahre sind dann auch OP-Verfahren entwickelt worden, um den Patienten eine Ersatzblase anbieten zu können. Man muss ja den Urin irgendwo hin ableiten. Ja, wohin?
Meistens nach außen, mittels Toma oder sowas. Und dass man dann aus Darm Ersatzblasen geschaffen hat, ein Reservoir, ein kontinentes, nicht etwa, dass der Urin einfach so wegläuft, sondern ein kontinentes Reservoir, bildet entweder eine normale Ersatzblase, orthotop, unten, wo die Blase lag, oder eben woanders.
Und das waren dann Operationen, da ging man um acht in den OP und ging, wenn es gut ging, 16 Uhr wieder raus. Meine längste OP waren mal 14 Stunden. 14.
Und was war das für ein OP? Ich kam aus einer OP, ich kann mich noch genau erinnern.
Es war ein Zugang da, es war ein stadtbekannter Mann, kein Politiker oder so, es war ein Geschäftsmann, für die große Gärtnerei. Und der kam als Nierentumor, eine Einweisungsdiagnose Nierentumor, und ich untersuchte ihn.
Und da wurde ich schon sehr skeptisch, weil der Tumor durch die Flanke hindurch zu tasten war. Durch die Flanke.
Und Nierentumor durchbricht bestimmte anatomische Regionen nicht, nämlich die nach hinten. Und da war ich schon sehr skeptisch, ob es sich um ein klassisches Nierenzellkarzinom handelt.
Unter der OP stellte sich dann heraus,
dass er einen riesigen Tumor hatte, das war vorher bekannt, das ist klar. Dieser Tumor hatte dann die gesamten Körperstammgefäße ummauert, Aorta Cava und so weiter, war ins Zwerchfell eingebrochen und wir hatten dann eine Schnellschnittdiagnose gemacht. Es war ein Sarkom, ein retroperitoneales Sarkom.
Und dann macht man ein intraoperatives Konzil. Da habe ich einen Gefäßchirurgen herangebeten und einen Strahlentherapeuten.
Und eigentlich war es ein inoperabler Befund. Der Mann hätte eine Lebenserwartung von drei Monaten gehabt.
Da habe ich gesagt, wenn wir jetzt hier rangehen, das war relativ früher Vormittag, als wir das alles freigelegt hatten, Da war uns klar, wenn wir jetzt hier weitermachen und das Ding rausholen, dann gehen wir abends aus den OP. Und das war auch so. Wir haben den dann noch ganz speziell, das kann ich zeigen.
Darauf wollte ich hinweisen, das können Sie gerne, wenn Sie wollen. Ich habe, als ich die Klinik verließ, eine Chronik gemacht.
Die Chronik geht übrigens von der Gründung der Urologie. Wissen Sie, wie die Urologie entstand?
Die Urologie war immer Bestandteil der Chirurgie, des chirurgischen Fachgebietes. Immer eine Abteilung.
Und die Urologen haben sich dann aus der Chirurgie freigekämpft. Das war wirklich Kampf. Und bis es dann ein eigenständiges, auch wissenschaftlich eigenständiges Fachgebiet wurde.
Und der hat mal mit zwei, drei Betten im Bergarbeiterkrankenhaus angefangen und hat daraus eine Klinik gemacht. In schweren Gefechten gegen die Chirurgen natürlich. Er
kam aus einer sehr bedeutenden Klinik damals, das war von Professor Stolze aus Halle. Achso, Und hier sind übrigens noch, ich denke das werden Sie kennen, die Bilder von hier, wie die Planung des Krankenhauses, Bergabater Krankenhaus.
Ich kann Ihnen das schicken. Das wäre noch besser, wenn es auch digital wäre.
Ich habe das Digitale. Das ganze Ding habe ich digital. Das nehmen wir sehr gerne.
Die ersten 20 Jahre der Chronik sind von ihm und dann von dem anderen. Ich kann es Ihnen aber nur leihweise.
Ich habe da nur ein paar Exemplare. Ich finde das schon sehr interessant.
Aber ich brauche das wieder. Auf jeden Fall.
während des Berufes. Also, das sage ich Ihnen mal jetzt, mein Arbeitstag als Chefarzt.
Ich war in der Regel halb, spätestens um sechs in der Klinik. Früh. Aus einem Grund, weil man in einem Arbeitsalltag, wo man bis Nachmittag im OP steht und so weiter, zu
Verwaltungsarbeiten und so, die dazugehören, nicht so richtig gekommen ist oder wenn, dann meistens dazwischen gestört wurde und so weiter. Und früh, halb sechs, war ich für mich ganz alleine und habe das dann bis um sieben erledigt.
Um sieben kam ja schon die Sekretärin, da haben wir dann schon mal angeguckt, was für Zugänge geplant sind und die Zugänge, die kamen, bestimmten ja dann schon das OP-Programm für den nächsten Tag. Die kamen rein und wurden am nächsten Tag operiert.
Halb acht war dann Dienstberatung, dann kamen die Stationsärzte, Oberärzte und dann wurde eben berichtet, was ich schon sagte, was war in der Nacht los? Auf den Stationen und so weiter.
Dann wurde das OP-Programm für den nächsten Tag schon erstmal, wie soll ich das jetzt sagen, erstmal vorgeschmiedet. Und um 8 musste man im OP sein.
Das war im Grunde genommen Gesetz, weil wenn einer aus dem Team sich verspätet, muss das ganze Team warten. Das waren nicht nur die Assistenten, die OP-Assistenten, sondern das war der Anästhesist, die OP-Schwester, die mussten warten, weil einer nicht kam.
Das ging nicht. Wir hatten ja oftmals, ich habe es ja schon gesagt, Programme, die gingen dann bis in die Nachmittagsstunden.
Und meistens stand man im OP. Nun gibt es ja in der Urologie auch Operationen, wo man sitzt und reseziert und so weiter.
Oder andere operative Eingriffe. Röntgenarbeitsplatz war immer ein OP-Arbeitsplatz im Grunde genommen.
Und ja, das ging dann bis Nachmittag. Und dann war Röntgenschau mit dem Radiologen. Und dann war Dienstberatung.
Naja. Die OP-Berichte habe ich meistens in die Kassette abends zu Hause diktiert.
Also mein Arbeitstag war immer so um die zwölf Stunden. Zwölf bis vierzehn.
Da habt ihr nicht mehr viel Zeit für Freizeit? Was ich dann gemacht habe, war relativ…Sport.
Ich bin oftmals aus der Klinik rausgekommen, habe mich umgezogen, bin erst mal durch den Wald gerannt. Das macht einen kopf frei.
Also noch ein anderes Beispiel, ich habe zwei Söhne und der Ältere, der ist auch Arzt geworden, obwohl er es gar nicht werden wollte, wegen des Vaters. Und der hat als Junge gestrichelt, wenn der Vater abends zu Hause war zum Abendessen.
Für uns war damals vieles selbstverständlich. Das muss ich sagen, als ich Ausbildungsassistenz war und Patientenzugänge da waren, die bis zum normalen Dienstende nicht erledigt waren, das gab es gar nicht, dass man die Station verließ, ohne die Patienten nicht aufgenommen zu haben oder sonst was.
Da bin ich auch erst um 19 Uhr nach Hause gekommen. Dann wurden abends die Patienten aufgenommen und so weiter.
Ich glaube, es gibt es heute nicht mehr. Aber da muss ich jetzt die Kollegen in Schutz nehmen.
Ich habe das Klinikum 2006 verlassen. Ich hätte noch zwei Jahre länger machen können, aber ich wollte die Privatisierung nicht bis zum Ende durchziehen. Weil ich wusste, das geht auf Profit hinaus.
Und im Krankenhaus Profit zu machen geht nur, wenn man Personal reduziert. 70% der Kosten eines Krankenhauses sind Personalkosten.
70% oder 80% manchmal. Können Sie sich vorstellen, was da passiert.
Und da bin ich also vorzeitig dort weg. Ich kann mir heute die Mentalität der Kollegen und Schwestern und so weiter vorstellen, die sich sagen, ich arbeite doch nicht für jemanden, der mit mir Profit macht.
Es gab damals eine, wenn ich an unsere alten Stationsschwestern und so weiter denke, die sich einen Hintern für ihre Patienten aufgerissen haben. die eben auch eine Stunde oder zwei Stunden, manchmal länger, auf der Station geblieben sind, da wurde überhaupt nicht drüber gesprochen. Ja,
aber die wussten, sie machen das für ihre Patienten und keiner bereichert sich daran. Aber in dem Moment, wo sowas dann eintritt, ist es eine völlig normale Reaktion.
Das ist jemand, der sagt, nützt es. Mit der Zerschlagung oder mit der Privatisierung im Gesundheitswesen ist diese Einstellung zerschlagen worden. Ich
war nach der Wende, also vor der Wende schon, ich war einer der Ersten, der hier mit im Neuen Forum war. Und wir hatten im Neuen Forum auch eine Arbeitsgruppe Gesundheitspolitik.
Und damals hatten wir von Gera aus zum Beispiel, wir sind da nach Berlin gefahren, da war eine vom Neuen Forum eine große Beratung, wie geht man dem Gesundheitswesen um, dass wir vorgeschlagen hatten, die ganzen Polikliniken, weil es mir auf den Keks gegangen war, als die Kollegen verkündeten, die Polikliniken, die müssen alle weg, die müssen alle weg. Und ich wusste gar nicht warum, aber dass sich da was verändern musste, war klar.
Und wir hatten vorgeschlagen, die zu ambulanten diagnostisch-therapeutischen Zentren zu machen, wo sich die Kollegen auch niederlassen konnten, aber als Gesamtkomplex, dass es erhalten bleibt. Naja, in Gera ist es zum Glück hier soweit gelungen mit den Ärztehäusern, aber woanders eben hat man wirklich Polikliniken total zu schlagen.
Eine Sache, das Kuriose ist ja, dass man dann später drauf gekommen ist, dass diese Strukturen ja effektiv sind und patientenfreundlich. Damals die Gesundheitsdezernentin, das war die Frau Krumfleck, die hätte eigentlich Oberbürgermeisterin von Gera werden sollen, das ist meine Meinung.
Ja, die Frau Krumfleck, die Kommunalwahlen, die ersten Wahlen, die Stadtwahlen, Kommunalwahlen, der große Sieger war natürlich die CDU und die Frau Krumfleck, die hat die gesamte Umwälzung des Gesundheitswesens hier, die Zusammenführung der beiden Krankenhäuser, das war ja auch eine Herkulesaufgabe. Vor allem, weil sich die beiden Krankenhäuser im wahrsten Sinne des Wortes feindlich gegenüberstanden.
So, und ja,
Die hat das meiner Ansicht nach ganz toll bewältigt. Natürlich sind ihr auch mal Fehler unterlaufen, aber wem unterlaufen in einer solchen Situation keine Fehler?
Die hat sich eben auch dafür eingesetzt, dass diese Polikliniken, zumindest als Ärzteverbünde und so weiter, alles so weit erhalten bleiben. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben.
Die Frau hab ich sehr geschätzt. Zu Herrn Galley ist nur zu sagen, es gab eine Phase, wo wir noch DDR waren.
Aber die Exekutive in der DDR nichts mehr entschieden hat. Nichts mehr.
Weil im Grunde genommen das alles dann an die Bürgerbewegung übergegangen war oder man das an die Bürgerbewegung delegiert hat. Neues Forum, Demokratie jetzt! und so weiter, was es da alles noch gab.
Und wir im Neuen Forum hatten den Sprecherrat und vor der Kommunalwahl stellten sich die Kandidaten bei uns vor, vorm Sprecherrat, und da erschien Herr Galley, der weder Geraer war, der 15 Jahre in der Volkskammer war, Volkskammerabgeordneter der CDU, aber 10 Jahre war der Vorsitzende der Kommission für Innere Sicherheit in der Volkskammer. Da konnte man sich… da brauchte man nur drei Finger, um sich abzuzählen, was dahinter stand, nämlich Staatssicherheit.
Und wir haben ihn dann gefragt: Haben Sie jemals Geld von der Staatssicherheit angenommen? Hat er gesagt, nein. Ja, der ist Oberbürgermeister geworden.
Deshalb, in den ersten zwei bis vier Jahren nach der Wende, hier in Gera ist so viel schief gelaufen. Deshalb steht die Stadt jetzt auch so nach wie vor so relativ schlecht da.
Man hätte das viel, viel besser machen können. Damals gab es unheimliche Chancen auch.
Die hat man nicht ergriffen. Und Galley schon gar nicht.
Nach zwei Jahren war seine Akte da , da war er als Bürgermeister erledigt.
Stasi halt. Im medizinischen Bereich war natürlich erstmal eine große Aufbruchsstimmung da. Wo ich nicht mitgehen konnte, zum Beispiel eben, mit einer Darstellung des DDR-Gesundheitswesens, was also völlig marode war, wo nichts funktioniert, das ist ein völlig falsches Bild.
Wenn man ein Foto eines Krankenhauses, wo der Putz abröckelt, zeigt, dann schlagen alle die Hände. Was in dem Haus passiert ist, darüber wird nie gesprochen.
Gut, diese Situation hatten wir hier nicht,
aber es gibt verschiedene Aspekte. Übers
Neue Forum bin ich ja auch in die Vergabe- Kommission gekommen, wo das Land Hessen 1989 schon,
ich glaube 24 Millionen DM
für das Land Thüringen, das Land Thüringen existierte da noch gar nicht, aber für die drei Bezirke, Suhl, Erfurt, Gera zur Verfügung gestellt hat, um medizinische Ausrüstung für die Krankenhäuser zur Verfügung zu stellen.
Die bestand erstmal aus den drei Bezirksärzten und das Gesundheitsministerium in Wiesbaden wollte dann, es war eben diese Situation, das waren ja dann staatliche Vertreter, die überhaupt keine Legitimation mehr hatten eigentlich und die wollten dann die Bürger- Bewegung mit in die Kommission haben und so bin ich da mit reingekommen. Und das fand ich unheimlich bemerkenswert, dass Hessen gesagt hat, wir stellen 24 Millionen zur Verfügung und kaufen denen Ultraschallgeräte. Und dann habe ich da eben aus dem Ministerium Kollegen kennengelernt, die im Ministerium als Ärzte, Verwaltungsärzte tätig waren, die ein ungeheures Detailwissen hatten über alles. Das hat mich unheimlich beeindruckt. Auf der
einen Seite, ich habe dann eben aber auch andere Kollegen, die dann ankamen und sagten, die Polikliniken müssen weg und so. Es war also sehr differenziert. Aber es war allgemeine Aufbruchstimmung, weil man plötzlich nicht nur zu wissenschaftlichen Tagungen nach Hamburg oder sonst wo hinfahren konnte und an den deutschen Urologenkongressen teilnehmen konnte, sondern eben auch operative Verfahren einführen konnte, die nicht möglich waren, weil das Material, was dazu notwendig war, die technische Versorgung, das wurde nicht importiert.
Hier werden Sie sehen, dass hier zum Beispiel, wir haben künstliche Blasenverschlüsse und damals auch sogenannte Penisprothesen implantiert. Das ist ein Produkt, was aus Amerika kam, ein medizinisches Produkt, sehr teuer, 10.000 kostete so ein Dings.
Und das war plötzlich alles möglich zu machen. Und das war natürlich sehr interessant.
Einführung der Stoßwellenbehandlung und so weiter mit Steinen und so. Das war ja vorher alles nicht möglich.
In der Zeit war ich, glaube die ersten zwei, drei Jahre, war ich jedes Wochenende irgendwo unterwegs auf einem OP-Workshop oder auf einer wissenschaftlichen Tagung. Ich bin ja ein Kriegskind, 1943. Im Übrigen zu meinem Geburtstag, 12.09.1943, ist Deutschland geteilt worden.
Wissen Sie, als die Konferenz von Teheran war, ne? Und die ganzen Erfahrungen, die man so aus der Kindheit und so weiter als Nachkriegskind mitbekommen hat und so ein Werdegang in einem repressiven System.
Ich bin auch Christ. Und… Ja, und dann so eine Wende mitgestalten zu können, das passiert einem im Leben nicht so schnell wieder.
Das war sehr interessant. Neues Forum hat sich ja hier in Gera gegründet, da haben wir uns noch konspirativ getroffen und wussten nicht, wo es hingeht.
Wir hätten auch in Bautzen landen können, das wäre auch möglich gewesen. Ja, ich würde ich so sagen, ich liebe diese Stadt, deshalb habe ich auch die Fete de la Musique hier eingeführt.
Und das war damals eben auch eine Situation, zum Beispiel 2013, 2014, wo die Stadt vor der Zwangsverwaltung, da hatte sich eine Stimmung über die Stadt gelegt, das war ganz furchtbar, wie Mehltau. Ja, da haben wir das in Angriff genommen.
Ich finde auch, dass hier in Gera unheimlich viel kulturell stattfindet und so weiter. Im Gegensatz zu vielen, die meinen, hier ist nichts los.
Das finde ich immer bemerkenswert, wenn so etwas gesagt wird. Und was mich natürlich furchtbar, ja, mit völligem Unverständnis, natürlich auch Gegnerschaft, wenn ich die Leute sehe, die hier am Montags immer durch die Straßen ziehen.
Mit denen haben wir uns übrigens zur Fete de la Musique letztens schwer angelegt. Kleinen Shitstorm auf Facebook gehabt.
Ja, das ist natürlich, Ich denke mal, die Stadt leidet darunter, durch den wirtschaftlichen Niedergang, den es nach der Wende hatte. Es sind viele junge und dynamische Leute.
Und wenn Leute weggehen, dann sind das ja nicht die Dümmsten, die weggehen. Das sind immer die aktivsten, irgendwo hinzugehen und sich zu verändern.
Dazu gehört eben auch die Bereitschaft dazu und das Know-How, das eigene. Und dass diese Stadt mit einem bestimmten Bürgerklientel ausgeblutet ist, das fehlt jetzt dieser Stadt, das muss ich so sagen.
Ich kann mir sonst nicht erklären, dass Leute einem Mann hinterherlaufen, der 18 Einträge im Bundesregister für Kriminalfälle hat. Ja, nur so viel dazu.
Naja, die Stadt hat ja eigentlich enormes Potenzial hat, wenn man sich allein die Lage der Stadt ansieht, an zwei Autobahnen und verkehrsmäßig und so weiter. Das ist eben, was ich schon sagte, nach der Wende alles verpasst worden.
Ich weiß zum Beispiel, dass man in der Stadtverwaltung damals Investoren, die ankamen und sagten, ich will hier einen kleinen Betrieb machen. Und wie viele Mitarbeiter?
Oh, 50 Mitarbeiter. Die hat man weggeschickt.
Dass aus 50 - 500 werden kann, ja? Und wie gesagt, dass man natürlich, dass sowas nie wieder passieren darf. Übrigens
hat ein OTZ-Journalist mal vor Jahren ganz ausführlich über die Geschichte Geras geschrieben. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen. Ich habe es noch zu Hause.
Was da wirtschaftlich falsch gelaufen ist und die falschen Entscheidungen da, dass man eben Dinge aufgegriffen hat, die keinen Grund im Boden hatten. Dass man aus Gera eine Handelsstadt machen wollte.
Gucken Sie sich mal diese Handelsstadt mit den Kaufhäusern an. Das war ein Schuss in den Ofen. Das Konzept war aber damals schon im Grunde genommen gar nicht mehr tragfähig, als man es initiiert hatte.
Ja gut, die Stadt hat enormes Potenzial für eine positive Entwicklung. Es wird natürlich ein langer Weg sein, die Stadt, sagen wir mal, aus dem Tief. Und es sind ja in den letzten Jahren auch Fortschritte zu sehen, sowohl wirtschaftlich
Das auszuschöpfen,
aber dazu muss man eben auch bestimmte Konzepte, tragfähige Konzepte arbeiten. Und es darf meines Erachtens nicht so ewig lange dauern, Geras Neue Mittel oder sowas, dass sich das über Jahre hinschleppt, zerredet wird.
das stört mich. Sowas müsste auf alle Fälle viel schneller gehen und auch im Bereich der Kultur, wo ich ja nun, denke ich, einen relativ guten Einblick habe, dass man da Konzepte auf die Beine stellt, dass das wirklich eine Entwicklung nimmt, die in eine Richtung geht, wo es prosperiert.
Zum KuK zum Beispiel, da hatte ich einen Patienten, der mir gesagt hat, das KuK könnte man ohne weiteres profitabel betreiben. Also nicht als Zuschussbetrieb, sondern das ist, und wenn so ein Ding hier dasteht, muss es natürlich auch was abwerfen, das kostet ja auch Geld.
Aber über Jahre und Jahrzehnte hat man kein Konzept entwickelt, sowas zu machen, oder die Leute herangeholt, die sowas machen können. Das war mir auch immer unverständlich, völlig unverständlich.
Aber ich denke, es gibt Zeichen dafür, dass das alles in Angriff genommen wird und dass es in eine positive Richtung geht. Ja, das sollte auf alle Fälle bewahrt werden.
Und da spielen Vereine natürlich eine große Rolle. Und ich denke mal, Vereine werden dann auch so die tragenden Säulen sein, sowas zu machen.
Wenn Sie die Bergmannsumzüge im Erzgebirge sehen, das ist ja eine Tradition aus dem Mittelalter, die heute immer noch gepflegt wird und die Zehntausende von Leuten anlocken und so. Und das ist natürlich etwas, was man unbedingt im historischen Gedächtnis bewahren sollte, auf jeden Fall. Es hat
ja diese Region geprägt und im Grunde genommen sind ja auch Denkmale erhalten geblieben mit der Umwandlung eines Tagebaus in eine neue Landschaft oder sowas. Das ist ja schon Erinnerungskultur, auf jeden Fall.
Ja, das ist schon ganz wichtig. Ja, was ja immer in der Diskussion ist, ist ja die Kunstsammlung der Wismut, die Gemäldesammlung.
Da muss man immer ein bisschen, auch realistisch sein, sowas als Dauerausstellung zu machen zum Beispiel, das würde auf Dauer nicht funktionieren. Ja, das ist, weil das einfach zu speziell ist und die Leute, die einen unmittelbar noch persönlichen Bezug dazu haben, die sterben ja weg. Ja,
und die anderen, die haben ja dann nur noch einen Kunstbezug dazu, die sich das dann ansehen. Man muss immer sehen, ob etwas tragfähig ist, dass diese Gemälde erhalten bleiben müssen, in welcher Form und auch immer mal präsentiert werden müssen.
Wenn sie nach Gera kämen, wäre gut, da wäre es aber auch gut, wenn Gera ordentliche Lagerbedingungen hätte. Das brennt nämlich in dieser Stadt ganz gewaltig.
Und das ist jetzt die Aufgabe unseres neuen Kulturamtsleiters, die Depots, die Depot-Frage zu klären. Auch dazu ist eben auch Geld notwendig.
Doch, finde ich.
Ich meine,
dass man, man hat ja bestimmte, wie soll
ich sagen, Dinge, des Tagebaus in gewisser Weise schon noch in der Landschaft versucht darzustellen.
Dass man daraus eben auch etwas, gerade es ist ja nur im Rahmen der BuGa entstanden, machen musste, was die Leute auch anzieht,
das ist auch eine Sache,
dass das auch ein Ort ist, wo man sich gerne aufhält oder wo man gerne durchläuft oder durchfährt.
Und ich halte es eigentlich für eine gelungene Sache und
im Grunde genommen, ja, da bin ich jetzt überfordert, aber ich wünschte mir, jetzt sag ich es mal in Gänsefüßchen gesetzt, so marketing-mäßig, ein bisschen besser vermarktet. Aber wie gesagt, wenn es eine Kommune nicht schafft, da müssen dann eben auch starke Vereine sein, die sich dann mit einbringen.
Aber ich denke schon, dass das ein Erinnerungsort für diesen Tagebau auf jeden Fall ist. Und gerade mit der Drachenschwanzbrücke und so weiter ist da sehr vieles sehr gut gelungen, denke ich mal.
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